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dimanche 26 juillet 2015

Plädoyer für Laizität: Alevitische Gemeinde tritt für Verteidigung staatlicher Religionsneutralität ein

"Im alevitischen Glauben gibt es keine religiösen Kleidungsvorschriften. An dem Erscheinungsbild der Frau werden keine sozialen, politischen oder kulturelle Konflikte ausgetragen. Im Alevitentum wird Frömmigkeit als eine innere Geisteshaltung betrachtet, die sich nicht an der Art der Kleidung und der Einhaltung oder Häufigkeit religiöser Rituale festmachen lässt. Sunnitische oder schiitische Frauen hingegen, die sich gegen ein Kopftuch entscheiden, aber sich selbst als religiös oder gläubig definieren würden, werden von traditionellen Muslimen automatisch als nicht sittsam und nicht wahrhaft gläubig abgestempelt, da das islamische Kopftuch von traditionellen Muslimen als ein Muss für Frauen, die sich in der Öffentlichkeit bedeckt halten und ihre weiblichen Reize nicht offen zur Schau stellen sollen, betrachtet wird.

Auch wenn für uns AlevitInnen das Bestreben praktizierender Musliminnen mit Kopftuch nach gleichen Berufschancen, nach freier religiöser Kleidungswahl während der Berufsausübung nachvollziehbar ist, ist für ein tolerantes Zusammenleben die Neutralität staatlicher Institutionen in einer pluralistischen Gesellschaft mit verschiedenen Nationen, Religionen und Konfessionen umso prioritärer.

Die Geschichte der AlevitInnen, die geprägt ist von Diskriminierung, Assimilation und Verfolgung, zeigt, dass gerade das gezielt politisch-religiös eingesetzte Kopftuch zur Verleumdung und Verfolgung des alevitischen Glaubens führte. Auch in Deutschland erfolgte lange Zeit die Zuschreibung als „türkischer Muslim“. Die jahrzehntelange „Nicht-Wahrnehmung“ der AlevitInnen in Deutschland hatte eine doppelte Ursache: Einerseits wurden Einwanderer in Deutschland nur sehr undifferenziert und verallgemeinernd betrachtet, als „Ausländer“, als „Türken“, oder ganz einfach als „Fremde“, andererseits waren aber auch AlevitInnen selbst lange bemüht, gerade nicht als eine besondere Gruppe unter den Einwanderern aus der Türkei in den Blick zu geraten. AlevitInnen praktizierten Takiye, das Verbergen der eigenen Zugehörigkeit. Takiye ist eine defensive Strategie, die das Ziel hat, nicht aufzufallen und die verwendet wird, um in einer ablehnenden und potentiell feindlichen Umwelt, die Verleumdungen für bare Münze nimmt, möglicher Verfolgung zu entgehen. Die Furcht der AlevitInnen vor Verfolgung kam nicht von ungefähr. Sie war das Ergebnis der Jahrhunderte langen Erfahrung, im Osmanischen Reich als „Ungläubige“ abgestempelt zu werden.

Erst am Ende der 1980er Jahre gaben AlevitInnen die Takiye weitgehend auf. In der Türkei und in Deutschland entstand gleichzeitig eine alevitische Bewegung, die sich gegen die Diskriminierung der AlevitInnen zur Wehr setzte und ihre Anerkennung in Staat und Gesellschaft einforderte. AlevitInnen haben es aus eigener Kraft geschafft, von einer nicht wahrgenommenen Minderheit zu einer gut organisierten und europaweit vernetzten gesellschaftlichen Gruppe zu werden, die sich in Politik und Gesellschaft engagieren und ihre Interessen offen artikulieren

Das, was für eine freiheitlich-demokratische Grundordnung selbstverständlich klingt, ist das Ergebnis eines jahrelangen ehrenamtlichen Engagements. AlevitInnen, die entweder aus Angst vor der in der Türkei erlebten Diskriminierung oder ganz einfach aus Unkenntnis sich nicht zu ihrem Glauben bekennen wollten, mussten mobilisiert werden. Mittlerweile gibt es, auch aufgrund des Alevitischen Religionsunterrichts, und der Forschung, ein starkes alevitisches Bewusstsein, allerdings ist der Prozess der Selbstdefinition nicht abgeschlossen. Gerade in dieser Phase ist es uns AlevitInnen wichtig, die Diskussion positiv und ohne externe Einflüsse führen zu können, um den Kindern eine Stabilität hinsichtlich ihrer Identität vermitteln zu können. Alevitische Kinder sollen ohne die Erfahrung von Diskriminierung von AlevitInnen im Alltag („Das Fleisch, das von Aleviten geschlachtet wurde, isst man nicht“, „Alevitische Mädchen heiratet man nicht und man verheiratet keine Angehörigen mit alevitischen Mädchen“, „bei der Cem-Zeremonie wird die Kerze ausgepustet und dann treiben sie’s – egal ob mit der eigenen Mutter oder der eigenen Tochter“[1]), die bis heute aufgrund der tief sitzenden und immer wieder reproduzierten Vorurteile andauert, ihren Glauben kennenlernen und sich nicht in negativer Abgrenzung zum sunnitisch-orthodoxen Islam behaupten müssen. Kontraproduktiv für die Bildung einer alevitischen Identität ist hierbei die Präsenz von Konflikten auf dem Schulhof, bei der sich alevitische Mädchen dafür legitimieren müssen, kein Kopftuch zu tragen.

Bei der Zentrale der Alevitischen Gemeinde Deutschland e.V. in Köln gingen in letzter Zeit gehäuft Anrufe von besorgten Eltern ein, die berichteten, dass ihren Töchtern von kopftuchtragenden Mitschülerinnen die Verletzung religiöser Regeln vorgeworfen wurde.

Mit der Reduktion solcher Konflikte ist im Falle der Beauftragung kopftuchtragender Lehrinnen nicht zu rechnen. Im Gegenteil: Diskriminierungshandlungen gegenüber nichtkopftuchtragenden Schülerinnen würden aufgrund der subjektiv durch die Lehrerin rührenden Legitimation steigen. Das Argument, wonach die kopftuchtragende Lehrerin in so einem Fall als “Schlichterin” auftreten und zur Versöhnung des Streites beitragen könne, verkennt hier, dass dies die Bekämpfung von Symptomen, deren Mitverursacherin sie ist, darstellt. Interreligiöse Diskriminierungserfahrungen können auf dem Schulhof nur dann vermieden und minimiert werden, wenn auch die Pädagogin als für den Staat handelnde Person ihre Neutralität in jeder Hinsicht wahrt.

Das Grundgesetz verankert das Recht auf freie Religionsausübung und schreibt auch seinen Beamtinnen und Beamten religiöse Neutralität vor. Die Glaubensfreiheit des Einzelnen steht aber nicht – wie zunächst vermutet – in einem Spannungsverhältnis zum staatlichen Neutralitätsgebot. Denn wir können nicht die Freiheit eines Einzelnen und die private Ausübung seiner Religion über die Gemeinschaft und das Gemeinwohl, in diesem Fall die Kinder- und Jugendlichen, stellen.

Kinder, die der Schulpflicht unterliegen, können sich kopftuchtragenden Lehrerinnen nicht entziehen, sie werden – gewissermaßen mit den Mitteln des staatlichen Verwaltungszwanges – zur Konfrontation mit einer religiösen Bekundung gezwungen, etwas, was keinem Erwachsenen zugemutet wird. Niemand darf gezwungen werden, sich mit Menschen, die ihre religiöse Auffassung nach außen demonstrieren, auseinandersetzen zu müssen. Das verlangen die Grundrechte von niemandem. Kinder in der Schule haben keinerlei Ausweichmöglichkeit.

Aus all den genannten Gründen sind wir der Auffassung, dass Amtsträgerinnen in staatlichen Behörden – schon gar nicht in Schulen – das Tragen des Kopftuchs weiterhin untersagt werden sollte, denn der Staat muss seine Neutralität wahren und darf nicht zum Ausdruck religiöser Bekenntnisse werden."

Ruhan Karakul, Co-Vorsitzende der Landesvertretung Baden-Württemberg der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF)

jeudi 2 juillet 2015

Deutschland als Refugium der Mörder

Pressemitteilung der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF) zum 22. Jahrestag des Pogroms von Sivas:

AABF gedenkt der Todesopfer des Sivas-Pogroms von 1993 und mahnt eine Erinnerungs- und Gedenkkultur an

1993 kamen Hunderte Menschen zum „Pir Sultan Abdal“-Kulturfestival in Sivas. Gemeinsam wollten sie sich der Werke des Dichters erfreuen, doch der Tag endete in Trauer und Entsetzen.

Während Kulturbegeisterte und Kulturschaffende im Madımak-Hotel, vorwiegend Aleviten, feierten, versammelte sich vor dem Hotel eine religiös und nationalistisch aufgewiegelte Menge. Bewaffnet mit Brandsätzen griffen sie das Hotel an, dessen Holzkonstruktion in Minutenschnelle in Flammen aufging. 33 Besucher des Kulturfestivals starben ebenso wie zwei Hotelangestellte und zwei Täter. Zahlreiche Menschen trugen schwere Verletzungen davon.

Sie konnten sich nicht aus dem brennenden Gebäude retten, weil ein wütender Mob ihnen den Weg versperrte. Obwohl Polizei, Militär und Feuerwehr alarmiert waren, griffen sie erst Stunden später ein. Die Ereignisse wurden über Stunden live im Staatsfernsehen übertragen.

Bis heutige gibt es keine Gedenk- und Erinnerungskultur, die die Leiden der Betroffenen und Hinterbliebenen anerkennt und die Geschehnisse aufarbeitet. Kein Täter wurde rechtskräftig verurteilt. Stattdessen gelang einigen die Flucht ins europäische Ausland. Heute leben sie – auch in Deutschland – unbehelligt als Illegale, Familiennachzügler, anerkannte Flüchtlinge, Deutsche. Sie bauten sich im Exil erfolgreich ein neues Leben auf, während die Hinterbliebenen der Opfer zum Teil mit Armut zu kämpfen haben, weil den Familien ein Vater oder eine Mutter, die sie ernähren, oder heutigen Rentnern ihre Kinder, die sie versorgen, genommen wurden. Menschen leiden und trauern, weil sie ihre Kinder, ihre Eltern, ihre Verwandten, ihre Bekannten und Freunde verloren haben.

Als Alevitische Gemeinde Deutschland fordern wir die Etablierung einer Gedenk- und Erinnerungskultur, die nationalistische und religiös-fanatische Gewalttaten aufarbeitet. Auch Deutschland muss – noch viel mehr, bedenkt man seine Geschichte – in seinen Beziehungen zur Republik Türkei und im Umgang mit seinen türkeistämmigen Mitbürgern diese anmahnen. Die Leiden der Opfer so vieler Pogrome und Ausschreitungen gegen religiöse und ethnische Minderheiten in der Türkei müssen endlich anerkannt werden! Orte wie das Madımak-Hotel in Sivas sollten zu nationalen Gedenkstätten umgewandelt werden! Die Täter müssen konsequent verfolgt und verurteilt werden! Alles andere bedeutet, diese Taten gutzuheißen und zu billigen.

mardi 2 juillet 2013

Alevitische Gemeinde Deutschland gegen Straffreiheit für Mörder von Sivas


Aus Anlass des 20. Jahrestages des djihadistischen Massenmordes von Sivas macht die Alevitische Gemeinde Deutschland e. V. auf das ungeheuerliche Handeln der türkischen und der deutschen Behörden gegenüber den Überlebenden der Bluttat aufmerksam; auf den Umstand, "dass die Tatverdächtigen straffrei ausgegangen sind, mindestens neun von den Attentätern in Deutschland leben, einer von diesen unter fadenscheinigen Methoden eingebürgert wurde und am Tatort immer noch keine angemessene Gedenkstätte existiert und es an jedem Jahrestag zu polizeilichen Übergriffen auf Gedenkende kommt".

"Am 2. Juli 1993 hat in Sivas ein staatlich geduldeter Pogrom stattgefunden. Über Stunden hinweg haben Polizei, Militär und Politik zugesehen, wie eine fundamentalistische Menge das Hotel Madimak, in dem stellvertretend für den freien und humanistischen Geist, Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle logierten, angriff. Der Mord an 35 Menschen wurde vom türkischen Fernsehen live übertragen. Einige der verurteilten Mörder haben sich – vermutlich mit staatlicher Unterstützung – ins Ausland abgesetzt. Mindestens 9 von ihnen leben hier in Deutschland. Die Antwort der Bundesregierung auf kleine Anfragen des Abgeordneten Memet Kilic (Bündnis 90/Die Grünen) legte offen, dass einer der Mörder mittlerweile eingebürgert wurde. Die Vermutung des Abgeordneten Kilic, dass die Mörder den deutschen Sicherheitsbehörden als V-Männer dienten und hierfür belohnt wurden, ist angesichts der dubiosen Umstände um die Einbürgerung nicht fernliegend. Wir fordern die Offenlegung der Zusammenarbeit der Sivas-Mörder mit dem türkischen, wie auch deutschen Staat.

Den Mut, sich der Vergangenheit zu stellen, hat die Türkei auch 20 Jahre nach dem Massaker nicht aufbringen können: Hält man den Umgang europäischer Länder mit Massakern und deren Opfern im Blick, ist es weder verständlich noch akzeptabel, dass in den Folgejahren am Tatort in Sivas erst ein Kebap-Restaurant, anschließend ein Blumenladen betrieben wurden, darüber hinaus auf der einzigen Gedenktafel zwei Täternamen mit denen der Opfer aufgeführt werden und es an jedem Jahrestag zu gewaltsamen Übergriffen der Polizei gegenüber der Gedenkenden, die das Hotel Madimak aufsuchen, kommt. Wir fordern, dass das Hotel Madimak zur Gedenkstätte, die zur Verpflichtung zum Handeln für Frieden, Toleranz und Gerechtigkeit mahnt, umgewidmet wird. Der türkische Staat, der jedes Jahr zu Recht dem Anschlag von Solingen gegen die Familie Genç gedenkt, wird aufgefordert, Gleiches bei rassistischen, nationalistischen und islamistischen Anschlägen im eigenen Land zu tun. Die türkische Regierung macht sich unglaubwürdig, wenn sie Gleiches ungleich behandelt und außerhalb der eigenen Staatsgrenzen das Einhalten der Menschenrechte einfordert, im eigenen Land aber ebensolche mit Füßen tritt.

Wenn der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan die Aleviten wirklich ernstnehmen würde, würde er die Mörder von Sivas ihrer gerechten Strafe zuführen, den Ort des Verbrechens in eine Gedenkstätte umwandeln und die Opferfamilien entschädigen. Solange er das nicht tut, bleibt er für uns ein Wolf im Schafspelz!"

jeudi 15 mars 2012

"Null Toleranz" für Kriegsbrandstifter Erdogan


Pressemitteilung der Hochschulgruppe Rostock der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), 14.3.2012

Am 17. März soll der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in Bochum mit dem Steiger Award ausgezeichnet werden. Der Steiger Award ehrt „Persönlichkeiten, die sich durch Geradlinigkeit, Offenheit, Menschlichkeit und Toleranz auszeichnen“.

Die Preisverleiher müssen wissen, wofür die Politik der Regierung Erdogan steht:

- für die Aufrechterhaltung der völkerrechtswidrigen Besetzung über eines Drittels des Staatsterritoriums der Republik Zypern, eines Mitgliedstaates der EU;

- für die staatlich verordnete Leugnung des Völkermordes an den Armeniern 1915/16;

- für Hetzkampagnen gegen Staaten wie Frankreich, die der Völkermordleugnung durch den türkischen Staat energisch entgegentreten;

- für das Fortbestehen der Blockade gegen den Nachbarstaat Armenien;

- für eine Nichtanerkennung der bürgerlichen und politischen Rechte ethnischer und religiöser Minderheiten: der Kurden, der Aleviten, der Christen …;

- für militärische Angriffe auf kurdische Zivilisten in der Türkei wie im Nordirak und

- für die offizielle Unterstützung antiisraelischer Provokationen etwa in Gestalt der Mavi-Marmara-„Solidaritätsflottille“ im Mai 2010, verbunden mit wüster antisemitischer Hetze seitens der türkischen Regierung unter persönlicher Beteiligung Erdogans.

Unsere DIG-Hochschulgruppe betrachtet es als ungeheuerlichen Vorgang, dass durch die Auszeichnung Ministerpräsident Erdogans in der Kategorie „Europa“ die Konzeption eines Europa der Toleranz, der Liberalität und der Demokratie öffentlich der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Dabei verbietet es das Kaliber des Steiger Award, diesen provokatorischen Akt einer „Umwertung aller Werte“ als Provinzposse abzutun.

Wir unterstützen die Proteste gegen die Preisverleihung an Erdogan, wie sie u. a. durch den Zentralrat der Armenier und die Alevitische Gemeinde artikuliert wurden. Im öffentlichen Raum einer demokratischen Republik muss gegenüber Kriegsbrandstiftern und antisemitischen Agitatoren das Prinzip „Null Toleranz!“ zur Geltung gebracht werden.

Daniel Leon Schikora

mardi 26 octobre 2010

Türkei-EU: Deutsches Staatsoberhaupt blendet Unterdrückung der Aleviten aus

Aus einer Pressemitteilung des Christlich-Alevitischen Freundeskreises der CDU vom 22.10.2010:

Madlen Vartian, Sprecherin: "Eine Türkei, die die Religionsfreiheit missachtet, indem sie Aleviten, Armenier und Christen in ihrer Religionsausübung massiv einschränkt, Kirchen zu Museen erklärt, alevitische Kinder zum islamischen Bekenntnisunterricht zwingt und alevitischen Glaubenshäusern (Cem-Häuser) den erforderlichen rechtlichen Status verwehrt, kann derzeit nicht ein geeigneter Beitrittskandidat für die EU sein. Wir hätten uns von Herrn Wulff eindeutigere Worte gewünscht. Es wäre zu begrüßen gewesen, wenn die Gemeinschaften der Aleviten, Armenier und Griechen vor einem türkischen Parlament auch namentlich genannt worden wären. Auf die Situation der Aleviten, die ca. 1/3 der türkischen Bevölkerung ausmachen, hat sich Herr Wulff bedauerlicherweise nicht geäußert."

lundi 27 avril 2009

"Initiative Mor Gabriel": Christen und Muslime treten für Erhalt des Klosters Mor Gabriel ein


FAZ.NET, 27.4.2009:

"'Im vergangenen Jahr hat der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan bei seiner Rede in Köln gesagt, Assimilation sei ein Verbrechen. Erdogan muss es wissen, denn seit Jahrzehnten versucht der türkische Staat, die Kultur von religiösen Minderheiten durch erzwungene Assimilation zu vernichten.'

Schon die einleitenden Worte von Kubilay Demirkaya, Sprecher der 'Initiative Mor Gabriel', machten deutlich: Mit freundlichen Mahnungen und Volksfeststimmung, die noch im Januar die Berliner Demonstration für den Erhalt des Klosters Mor Gabriel im Südosten der Türkei bestimmt hatten, will sich die jüngst gegründete 'Initiative Mor Gabriel' nicht zufriedengeben.

Die Welle von Klagen, mit denen das Kloster seit dem letzten Sommer überzogen wird, ist für die Initiative, die sich aus Vertretern der aramäischen, alevitischen, kurdischen, armenischen Gemeinden und aus Mitgliedern des Verbands der Griechen aus Pontos zusammensetzt, nur der bisherige Höhepunkt einer türkischen kulturellen Vernichtungspolitik.

Einen derartigen Zusammenschluss von aus der Türkei stammenden Minderheitenvertretungen gab es in Deutschland bisher noch nie - die Politik der Trennung, die von der Türkei gegen diese Gruppen betrieben wird, setzte sich bisher immer auch auf deutschem Boden fort.

Nun will man gemeinsam für den Erhalt der eigenen Identität kämpfen. Neben Mor Gabriel setzt sich die Initiative auch für eine Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern ein.

Wieder einmal gehe es darum, die Reste christlicher Präsenz in der Türkei auszulöschen, lautete der Tenor der Protestkundgebung in Köln. Die Ideologie seit dem Genozid an den Armeniern habe sich nicht verändert, einzig die Mittel seien dem Zeitgeist angepasst worden: In der Türkei ist es üblich, mit Verfahren um angeblich ungeklärte Grundbucheinträge den christlichen Gemeinschaften, die de jure als Stiftungen existieren, den Ort ihres Wirkens zu entziehen. Sollten die Klagen gegen Mor Gabriel Bestand haben, wird das Kloster enteignet.

Die Klosterkirche Mor Gabriels ist älter als die Hagia Sophia, älter als jedes Kloster auf dem Berg Sinai. Vielen Christen gilt es als zweites Jerusalem. Mor Gabriel liegt auf einem Hochplateau, dem Tur Abdin, dem Berg der 'Knechte Gottes', das sich tief ins biblische Tigris-Tal erstreckt.

Von den etwa achtzig Klöstern, die dort seit dem vierten Jahrhundert gegründet wurden, ist das im Jahr 397 erbaute Kloster eines der letzten Zeugen seiner Zeit.

Die Vorwürfe, mit denen es konfrontiert wird, sind geradezu absurd. Und erinnern an die von national-religiösen Gruppen geführte Kampagne, die in den Jahren 2006 und 2007 zu dem Mord an einem katholischen Priester und drei Protestanten geführt hatte.

Mor Gabriel habe die Grenzen der umliegenden Dörfer verletzt, den Wald als Weidefläche okkupiert und verfüge ohnehin über mehr Land, als die Gläubigen zum Beten bräuchten. Außerdem sei das Kloster auf muslimischen Gräbern erbaut worden und habe dafür eine Moschee zerstört - Mor Gabriel wurde fast zweihundert Jahre vor dem Auftreten des Propheten Mohammed errichtet und damit lange bevor Moscheen gebaut werden konnten.

Der Abt spalte die Bevölkerung, schicke Kinder zur Missionsarbeit aus und unterrichte Fremde in einer fremden Sprache, lautet ein weiterer Vorwurf - tatsächlich wird in Mor Gabriel vierzig Kindern von Assyrern nachmittags ein aramäischer Dialekt gelehrt.

Doch das war bekannt: Im Jahr 1997 wurde dem Kloster das Unterrichten laut Dekret verboten, dieses aber weiterhin stillschweigend geduldet. Dass die türkische Regierung nach internationalen Protesten auf die drohende Enteignung ausgerechnet ankündigte, an der Universität von Mardin einen Lehrstuhl für Aramäisch einrichten zu wollen, empfinde man da als Hohn, sagte Demirkaya.

Tatsächlich liest sich das bisherige Vorgehen der türkischen Justiz als Versuch, die syrisch-orthodoxen Christen einzuschüchtern und zu demütigen. Die ersten Gerichtstermine wurden auf deren Advents- und Weihnachtsfeiertage gelegt.

Am 24. April, dem Tag, an dem auf der ganzen Welt Armenier, Aramäer und Pontos-Griechen der Massaker in den Jahren 1915 und 1916 gedenken, lud die türkische Regierung ausländische Diplomaten und Politiker zur feierlichen Übergabe von Grundbüchern an ein aramäisches Dorf auf dem Tur Abdin ein. Und in Deutschland reagierten Vertreter der türkischen Regierung auf die Unterstützer der 'Initiative Mor Gabriel' aggressiv.

Man solle sich nicht auf die Deutschen verlassen, denn für Deutsche seien Türken ohnehin alle gleich. Wenn die Deutschen könnten, würden sie die Türken durch eine Tätowierung kennzeichnen und ihnen das Gleiche antun, was sie während der Nazizeit getan haben. Die Türkei sei die einzige Schutzmacht, die die Türken schützen würde, zitierte die Initiative den türkischen Generalkonsul Hakan Kivanc. Und forderte dessen Absetzung."

samedi 3 janvier 2009

Deutsche Zivilgesellschaft (2)


Es wächst zusammen, was zusammengehört. Ausgerechnet in der Berliner tageszeitung nimmt Moshe Zuckermann sich die Freiheit, die (jüdisch-)israelische (Mehrheits-)Gesellschaft tribalistischen Verhaltens zu bezichtigen (als ob die Multikultis der Fischer-Partei, als eifrige Förderer eines türkisch-islamischen Kommunitarismus in deutschem Territorium, dem Konzept einer postethnischen Republik grundsätzlich etwas abzugewinnen vermöchten!):

"Ein weiterer Grund für den aktuellen Gewaltausbruch liegt im Bedürfnis, das Fiasko des zweiten Libanonkrieges von 2006 zu kompensieren und daraus entsprechend Kapital für den laufenden Wahlkampf zu schlagen. Der tiefere Grund liegt in der dauerhaft fehlenden Bereitschaft der israelischen Gesellschaft, den Preis zu zahlen, den ein Frieden mit den Palästinensern bedeuten würde. Und man weiß auch, warum: Zahlte man ihn, würde alsbald das innerisraelische Stammesfeuer erlöschen und man sähe sich womöglich einem potenziellen Bürgerkrieg ausgesetzt. Dann schon lieber das periodische Tamtam-Gedröhn - es suhlt sich so schön im Einheitsmorast. Bis zum nächsten Mal wieder." (taz, 3.1.2009)

Als Postzionist hat Zuckermann es wahrhaftig nicht leicht: Um seine Kritik der Archaismen eines "innerisraelischen Stammesfeuers" an den Mann bringen zu können, muß er sich im "alten Europa" an das "Stammesfeuer" jener setzen, die 1999 in Anbetracht der Vertreibung auch aller im Kosmet beheimateten Juden von einer humanitären Friedensoperation der Nato sprachen, die vor einem Jahr durch eine leidenschaftliche Mitwirkung an einer Hetzkampagne gegen assimilationswillige Muslime - die Aleviten - hervortraten und die in den Gewaltexzessen von Hamas, Hisbollah und anderer islamofaschistischer Bestrebungen offenbar so etwas wie eine Rache für den Mai 1945 sehen. (Bestände die israelische Staatsführung aus Postzionisten, so wäre der Bestand der nach Gaza verlegten Alpenfestung durchaus gesichert ...)

lundi 10 novembre 2008

Aleviten verurteilen Schrammas Appeasement gegenüber Rechtsextremisten


CDU-POLITIK.DE dokumentiert einen Brief des Generalsekretärs der Alevitischen Gemeinde Deutschland an den Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU), in dem der - unter dem Banner des Multikulturalismus und des religiösen Pluralismus praktizierte - "Dialog" mit Islamisten wie völkischen Nationalisten als das beschrieben wird, was er ist: eine offene, unverhüllte Preisgabe der Prinzipien des bürgerlichen Rechtsstaates.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

mit Interesse habe ich Ihre Pressemitteilung vom 29.10.08 gelesen. Sie beziehen sich auf einen Artikel im Kölner Stadt Anzeiger “Streit im Rat der Religionen” vom 28.10.08 und bedauern die Indiskretion einiger Teilnehmer des Rates der Religionen der Stadt Köln.

Erlauben Sie mir, dass ich Ihre Pressemitteilung zum Anlass nehme und mich mit einem offenen Brief an Sie wende.

Wir, die Alevitische Gemeinde Deutschland, begrüßen und unterstützen ausdrücklich den Rat der Religionen, der auf Ihre persönliche Initiative zurückzuführen ist. Es ist für uns wichtig einen in Fragen der Integration engagierten Oberbürgermeister zu haben, der sich für mehr gegenseitige Toleranz in Köln einsetzt. Insbesondere begrüßen wir Ihren persönlichen Einsatz gegen den Aufmarsch der europäischen Rassisten in Köln. Die Aktion “Köln stellt sich quer” war ein Zeichen, das weit über Köln hinaus Maßstäbe gesetzt hat und von unserer Landes- und Bundesregierung unterstützt wurde.

Wir, Deutsche mit einem alevitischen Migrationshintergrund, wissen -vor dem Hintergrund unserer eigenen Erfahrung- es besonders zu schätzen, in einem Land zu leben, in der es gesellschaftlicher Konsens ist, dass jegliche Radikale vom politischen Diskurs ausgeschlossen werden. Dieser gesellschaftliche Konsens, der nach dem zweiten Weltkrieg gefunden wurde, verbietet den Handschlag, sowie den Schulterschluss zwischen Demokraten und solchen, die die Demokratie in letzter Konsequenz abschaffen wollen.

Dieser Konsens stellt aus unserer Sicht einen wesentlichen Eckpfeiler unserer freiheitlichdemokratischen Grundordnung in Deutschland dar, die es zu schützen gilt. Die Kölner Stadtspitze ist vor diesem Hintergrund nur bedingt frei bei der Auswahl ihrer Dialogpartner.

Wenn unsere Kölner Gemeinde, die Mitglied des Rates der Religionen der Stadt Köln ist, erklärt, dass sie mit einem rechtsradikalen türkischen Verband der Grauen Wölfe, wie die ATIB, keine gemeinsame Erklärung unterzeichnen will, dann ist dies nur zu begrüßen. Die ATIB wird von unserem Landesamt für Verfassungsschutz den rechtsextremen Grauen Wölfen zugordnet.

Wenn unsere Kölner Gemeinde erklärt, dass sie mit einer antisemitisch-islamistischen Organisation, wie die IGMG, die von unserem Verfassungsschutz beobachtet und als demokratiefeindlich bezeichnet wird, keine gemeinsame Erklärung unterschreiben möchte, dann ist auch dies aus unserer Sicht zu begrüßen. Dabei bitten wir Sie auch zu berücksichtigen, dass aus unserer Sicht die IGMG eine politische Auslandsvereinigung der islamistischen Partei Erbakans aus der Türkei ist, dessen Ratsmitglieder und Imame verantwortlich für Pogrome an Aleviten waren und sind.

Wenn es um die Zusammenarbeit der Kölner Stadtspitze mit diesen zum Teil demokratiefeindlichen Organisationen im Rat der Religionen geht, dann sollte sie von unserer Kölner Mitgliedsgemeinde keine Diskretion erwarten. Solche Dinge dürfen nicht diskret behandelt werden. Wir stehen als Bundesverband in dieser Frage hinter unserer Kölner Mitgliedsgemeinde.

Diese rechtsradikalen und antisemitisch-islamistischen Migrantenverbände betreiben aktive Jugendarbeit und fanatisieren türkisch-islamische Jugendliche in Köln. Sie arbeiten mit Feindbildern und tragen zur Selbstethnisierung der türkisch-islamischen Migrantenkinder bei. Der letzte Verfassungsschutzbericht geht auf das Agieren türkischer Rechtsextremisten aus dem Spektrum der Grauen Wölfe an Kölner Schulen ein. Unsere alevitischen Kinder werden zum Teil von ihren fanatisierten Mitschülern schikaniert, weil sie z.B. während des Fastenmonats Ramadan nicht fasten und somit als Aleviten identifiziert werden. Jugendliche mit einem Migrationshintergrund müssen genauso vor dem Zugriff rechtsradikaler und islamistischer Migrantenverbände geschützt werden, wie deutsche Jugendliche vor z.B. NPD geschützt werden. Dies geht nicht durch eine Zusammenarbeit mit diesen rechtsradikalen und islamistischen Migrantenverbänden, sondern durch eine Aufklärung über diese Verbände. Der Aufmarsch von rechtsradikalen türkischen Jugendlichen am Kölner Dom und deren Übergriff auf kurdische Einrichtungen im letzten Jahr sind nicht zuletzt auf die Fanatisierung durch diese Migrantenverbände zurück zu führen.

Es ist eine nicht hinnehmbare Verharmlosung, wenn rechtsradikales und antisemitisches Gedankengut innerhalb der türkisch-islamischen Gemeinschaft in Köln lapidar als “innertürkische” Probleme abgetan werden, so wie es Frau Brederhorst der Presse erklärt hat. Die aktive Verdrängung dieser gesellschaftlichen Konflikte in Köln mit einem Einhergehen der Einbindung dieser rechtsradikalen und islamistischen Migrantenverbände durch die Kölner Stadtspitze im Rat der Religionen zeugt nicht nur von politischer Blindheit auf dem rechten „Migrantenauge“, sondern auch von einer fahrlässigen Nachlässigkeit in der Auseinandersetzung mit den Gegnern der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, die den sozialen Frieden in Köln und Deutschland nachhaltig gefährden.

Wir dürfen als verantwortungsvoll agierende Menschen keinem rechtsradikalen oder antisemitisch-islamistischen Migrantenverband ein Forum bieten. Diese radikalen Migrantenverbände dürfen in der öffentlichen Wahrnehmung keine politische Legitimation erfahren, indem sie durch die Stadtspitze zu Gesprächen im Rat der Religionen eingeladen werden.

Der öffentliche Ritterschlag für solche rechtsradikalen und islamistischen Migrantenverbände durch die Vertreter der Stadt Köln ist gefährlich und für uns nicht weiter tolerierbar. Es ist geradezu unsere Pflicht als eine deutsche Gemeinde diese Dinge zur Sprache zu bringen. Rechtsradikale und Antisemiten gehören auch dann bekämpft, wenn sie einen sogenannten Migrationshintergrund haben.

Der Migrationshintergrund sollte kein Freibrief sein, dass rechtsradikales und antisemitisches Gedankengut durch die Hintertür den Zugang zur Gesellschaft erhalten und unseren Konsens unterminieren.

Sie sprechen in Ihrer Pressemitteilung von “Aufarbeitung von Fragen, die in den Heimatändern der vertretenen Glaubensgemeinschaften gelöst werden müssen”. Die Stadt Köln muss akzeptieren, dass Deutschland auch unser Heimatland geworden ist. Wir sind Deutsche wie Sie und Frau Brederhorst. Wir stehen zu unserer deutschen Heimat, zu unserer Geschichte, zu unserem kulturellen Erbe und zu unserer historischen Verantwortung. Unsere diese Heimat mit seinen gesellschaftlichen und kulturellen Errungenschaften gilt es zu schützen. Zu schützen gegen jegliche radikale Kräfte, die diese Errungenschaften bedrohen. Zu diesen gehören auch solche Radikale, die einen sogenannten Migrationshintergrund haben. Insofern ist in diesem Zusammenhang auch der Vorwurf der „Instrumentalisierung“ mehr als unangebracht.

Es ist keine Instrumentalisierung, wenn gefordert wird, dass Rechtsradikale mit Migrationshintergrund genauso behandelt werden sollen, wie solche, die keinen Migrationshintergrund haben.

Nämlich politisch isoliert und gesellschaftlich geächtet. Rechtsextremismus und Antisemitismus dürfen in Köln nicht mit zweierlei Maß gemessen werden. Würde die Kölner Stadtspitze keine rechtsradikalen oder antisemitisch-islamistischen Migrantenverbände einbinden, so müssten wir nicht deren Ausgrenzung einfordern.

Integration ist ein Prozess, die mehrere Generationen dauern wird. Es braucht Zeit, Geduld, Erfahrung und den ernsthaften Willen integrieren zu wollen. Die politischen Schritte in der Kölner Integrationspolitik sollten nicht den Interessen der türkischen Tendenzmedien dienen, die wiederum den nationalen Interessen der Türkei dienen, sondern dem sozialen Frieden in Köln.

Ich denke, dass ich die Position der Alevitischen Gemeinde Deutschlands in den für unsere Gemeinden elementaren Fragen verdeutlichen konnte.

Sie sind jederzeit herzlich Eingeladen in unserer Gemeinde auch über diese Themen zu diskutieren. Vielleicht finden Sie Gelegenheit, um unsere Gemeinde einmal zu besuchen. Unsere Kölner Gemeindemitglieder würden sich über Ihren Besuch sehr freuen. Bisher hatten die Kölner Aleviten leider keine Gelegenheit ihren Oberbürgermeister persönlich in ihrer Gemeinde zu empfangen.

Mit freundlichen Grüßen

Ali Ertan Toprak

Generalsekretär

mercredi 2 juillet 2008

2. Juli 1993 - 2. Juli 2008: Zum 15. Jahrestag des Massakers von Sivas

Am 2. Juli 1993 wurde die alevitische Gemeinschaft der Türkei zum Angriffsziel einer bestialischen terroristischen Attacke radikaler Islamisten. In der ostanatolischen Stadt Sivas setzte ein islamistischer Mob ein Hotel in Brand, in dem eine Feier zu Ehren des Dichters Pir Sultan Abdal stattfand. Unter den 37 Opfern des Brandanschlags befand sich Aziz Nesin, der - als Atheist und Sozialist - den Mut aufgebracht hatte, in einem mehrheitlich (sunnitisch-)muslimischen Land wie der Türkei Salman Rushdies "Satanische Verse" herauszubringen. Cafer Ercakmak, Stadtrat der islamistischen Refah-Partei (aus der Erdogans und Güls AKP hervorging), legte selbst Hand an, um die "Ungläubigen" verbrennen zu lassen.  

"Das Massaker von Sivas. Es gibt ein Video davon. Gedreht von der Polizei, die nur dabeisteht und den Mob gewähren lässt. Stunden über Stunden. Sie greift nicht ein, gibt nicht mal Warnschüsse ab. 'Der Staat', sagt Ali Ertan Toprak, 'hat sich zum Komplizen gemacht.' Ein Eindruck, den die Monate nach dem Massaker verstärkten. Von den Anführern wurde kaum einer gefasst. Die Islamisten, denen man den Prozess machte, zeigten weder Reue noch Erbarmen mit den Familien der Opfer. Sie grinsten in die Kameras und machten die Verhandlungen zu Demonstrationen ihrer Sache - nur drei Jahre später wurde die Refah-Partei, der viele von ihnen angehörten, zur Regierungspartei. Von Stadtrat Ercakmak fehlt bis heute jede Spur. 'Die Justiz', schreibt die Zeitung Milliyet, 'hat sich nie bemüht.' Für die Aleviten, nicht nur in der Türkei, war Sivas ein Wendepunkt. Ali Ertan Toprak ist Alevit. Er wurde in Ankara geboren, wuchs aber in Deutschland auf, einem Land, in dem er sich eigentlich immer wohlfühlte. Bis 1993. Dann kam der Anschlag von Solingen. 'Zum ersten Mal fühlte ich mich ungewollt.' Toprak hat bis heute beide Staatsbürgerschaften, die deutsche und die türkische. Er beschloss, für längere Zeit in die Türkei zu gehen. 'Ich suchte Wärme, Freunde, Verwandte.' Er stieg in ein Flugzeug. Es war, ausgerechnet, der 2. Juli 1993. Als Toprak in Izmir landete, brannte das Madimak-Hotel in Sivas schon. In ihrer Hilflosigkeit und ihrem Schock sammelten sich Toprak und etwa 1000 Gleichgesinnte zu einem Trauermarsch durch Izmir. Diesmal handelte die Polizei: Innerhalb von nur fünf Minuten trieb sie die Trauernden auseinander. 'Der türkische Staat trennt sehr wohl zwischen seinen Bürgern', sagt Toprak: 'Geduldet bist du hier nur, wenn du Türke und gleichzeitig sunnitischer Muslim bist.' Toprak ging damals zurück nach Deutschland und in die Politik: Heute ist er der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschlands. Aleviten waren immer verdächtig. Außenseiter. Vogelfrei. Viele Aleviten sind Kurden. Ihr Glaube ist ein Gemisch aus vorislamischen Traditionen, Sufi-Mystik und ein wenig Schiitentum. Häretiker in den Augen orthodoxer Muslime: Nehmen den Koran nicht wörtlich, gehen nicht in die Moschee, glauben nicht an die fünf Säulen des Islam, beten, wann und wo sie wollen. Die Frauen tragen kein Kopftuch. Musik und Tanz spielen eine zentrale Rolle bei ihren Zeremonien - und die Tatsache, dass Männer und Frauen gleichberechtigt miteinander an den Tänzen teilnehmen, hat zu jenen hetzerischen Legenden unter den sunnitischen Muslimen geführt, wonach Aleviten beim 'Erlöschen der Kerze' in wilden Orgien übereinander herfallen. Sultan Selim I. (1514-1520) war der Erste, der die anatolischen Aleviten im großen Stil abschlachten ließ. Nach Gründung der Republik 1923 waren die Aleviten die treuesten Republikaner - das säkulare System schien ihnen der beste Schutz vor der Scharia zu sein. Eine Garantie gegen Massaker war es nicht. Vor Sivas hatte 1978 schon ein Mob in der Stadt Maras Aleviten getötet. Heute, am 15. Jahrestag, werden die Aleviten in Sivas demonstrieren. 'Die Türkei hat sich bis heute nicht entschuldigt. Dieses Land hat noch kein einziges Massaker in seiner Geschichte aufgearbeitet', sagt Toprak. 'Deshalb können solche Dinge jederzeit wieder geschehen.' Seit vielen Jahren bitten die Aleviten darum, das Madimak-Hotel in ein Museum zu verwandeln. Bis heute ist nichts geschehen. "Ein Museum könnte die Einheit der Türkei stören", sagte der Gouverneur von Sivas im letzten Jahr. Besonders empört die Aleviten, dass vor ein paar Jahren ein Kebap-Restaurant im Hotel aufmachte. 'Man kann doch nicht so tun, als sei das ein normaler Ort', sagt Toprak. Immerhin: Es ist einiges geschehen in der alevitischen Gemeinde seit 1993. Man organisiert sich. Seit zwei Jahren gibt es einen Fernsehsender: Yol-TV. 'Noch unsere Eltern waren eingeschüchtert', sagt Toprak. 'Aber wir ducken uns nicht mehr.' Noch ist Sivas ungesühnt. Einige der Anstifter sind nach Deutschland geflohen. Toprak sagt, diese Leute müssten endlich vor Gericht. 'Es kann nicht sein, dass Mörder in Deutschland frei herumlaufen.'" (sueddeutsche.de, 2.7.2008) 

In Reaktion auf das Auftreten des islamistischen türkischen Ministerpräsidenten Erdogan als ermittlungstechnischer Entwicklungshelfer gegenüber Deutschland im Zusammenhang mit der Brandkatastrophe in Ludwigshafen erinnerte Toprak, der Erdogans Agitation gegen eine drohende "Assimilation" in Deutschland lebender Türken (oder Türkischstämmiger) ablehnt, daran, dass die Attentäter von Sivas "unbehelligt in Deutschland [leben], weil die türkischen Behörden sich bis heute weigern, einen Auslieferungsantrag zu stellen". (FAZ.NET, 7.2.2008) Den wohlfeilen Bekenntnissen deutscher Politiker der “Regierungsparteien” zu “wehrhafter Demokratie” und einer Ächtung islamistischen Terrors sollten Taten folgen - auch im Hinblick auf die Ermöglichung einer Ahndung des terroristischen Verbrechens gegen Aleviten in Sivas, das sich, als Verbrechen gegen die Menschheit, keineswegs als eine "innertürkische" Angelegenheit darstellt!

jeudi 26 juin 2008

Wem sich Ruth Hieronymi (EVP-ED) verpflichtet fühlt


Kölner Stadt-Anzeiger, 23.6.2008:

"Kölns CDU-Chef Jürgen Hollstein und die Europaabgeordnete Ruth Hieronymi haben zusammen mit Vertretern der türkischen nationalistischen MHP ein Kulturzentrum eingeweiht, das den rechtsextremen „Grauen Wölfen“ zugerechnet wird. Hieronymi lobte in ihrer Rede die Arbeit der „Migrantenvereine“, die die Integration und „ein harmonisches Zusammenleben“ fördern würden, schreibt die türkische Zeitung „Zaman“. „Da ich auch Sie vertrete, sind ihre Sorgen und Interessen auch meine.“

Der Besuch der CDU-Politiker und vor allem Hieronymis Äußerungen haben bei vielen Unverständnis ausgelöst. „Nationalismus ist gegen Integration gerichtet“, sagt Madlen Vartian von der Armenischen Gemeinde. „Die Grauen Wölfe leisten das Gegenteil von Integration.“ Sie würden Feindbilder transportieren und so den sozialen Frieden gefährden. „Es darf nicht sein, dass sich Vertreter demokratischer Parteien mit Faschisten treffen“, sagte Ali Ertan Toprak von der Alevitischen Gemeinde. So würde die rechtsextreme Organisation verharmlost."

lundi 12 mai 2008

Unter dem Banner des Propheten


In der Tageszeitung junge Welt, deren islampolitische Deklarationen bisweilen den Eindruck vermitteln, man habe es mit einem Hausblatt der Grünen Jugend zu tun, widmet sich Knut Mellenthin dem Phänomen eines "Antimoslemismus". Dieser wird von dem jW-Autor einerseits einem (bundesdeutschen) Mainstream zugerechnet, während ihm andererseits - in einer antiamerikanischen und antiisraelischen "linken" Zeitung - bescheinigt wird, "weit rechts von der offiziellen Politik der USA und Israels" zu stehen.

"Präsident George W. Bush sagte zum Beispiel mehrmals Dinge wie: »Manche nennen es üblen islamischen Radikalismus, andere militanten Jihadismus, wieder andere Islamofaschismus. Wie immer man es nennt, diese Ideologie ist sehr verschieden von der Religion des Islam. Diese Form des Radikalismus beutet den Islam aus, um einer gewalttätigen politischen Vision zu dienen« (Rede am 6. Oktober 2005). Mit dieser Differenzierung ist Bush in den Koordinaten der Antimoslemisten ein »Islamversteher«, ein »Einknicker«, ein »Appeaser«, kurz gesagt ein Wegbereiter des Weltkalifats." (jW, 13.5.2008)

Handelte es sich bei dem US-Präsidenten Bush wenigstens um einen Gegner des Islamismus, so müßten etwa im gegenwärtigen Afghanistan nicht Hindus oder zum Christentum übergetretene Ex-Muslime um ihr Leben bangen, sondern sein Amtskollege Karzai und andere islamistische Staatsterroristen. In der Logik der "jW", die der US-Administration indirekt eine Rolle als Kronzeugin gegen "Antimoslemismus" zugesteht (nach der Devise: "Selbst der Taliban-Bekämpfer Bush nimmt den Islam in Schutz!"), steht ein den Menschenrechten verpflichteter echter Linker wie Günter Wallraff als Kritiker des muslimischen Kommunitarismus in Deutschland rechts von den Nato- und EU-Protektoren eines (re-)islamisierten Kosovo.

Auch die Anti-Antimoslemisten der "jW" kennen keine Parteien mehr, sondern nur noch Verteidiger des "Hauses des Friedens": "Soll es ausgerechnet einem CDU-Politiker, Jürgen Todenhöfer, vorbehalten bleiben, angesichts der antimoslemischen Mainstreamstimmung Anstand und Achtung vor der Menschenwürde anderer zu zeigen?" Welches Verständnis von der Menschenwürde und den Menschenrechten "unbotmäßiger" Afghanen die niedlichen Taliban (und andere traditionalistische Muslime) an den Tag legten (und legen), nachdem sie sich unter dem Beifall Todenhöfers, von Habsburgs und Fischers von sowjetischer "Fremdherrschaft" befreit hatten, ist bekannt. Daß die schwarzen und grünen Streiter gegen den sowjetischen "Imperialismus" dereinst in einem ehemaligen FDJ-Organ als Kämpfer für die Menschenwürde und (potentielle) Bündnispartner der Linken gefeiert würden - und zwar nicht trotz, sondern wegen des anti-modernistischen Sentiments, das sie einst an die Seite anti-sowjetischer "Freiheitskämpfer" trieb und sie heute das Feindbild Islam problematisieren läßt -,gemahnt unwillkürlich an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Welcher christdemokratische Verächter des "gottlosen" Kommunismus, welcher in die Führungsriege der Fischer-Partei aufgestiegene (ex-)maoistische Gegner des sowjetischen "Sozialimperialismus" hätte die Eile erwartet, mit der prosowjetische "Linke" nach der Selbstauflösung der DDR die Protagonisten der westdeutschen Mainstream-Islamophilie um Aufnahme in ihren Club bitten würden?

In der west-östlichen und lagerübergreifenden Parteinahme für die "feudale Rechte" (Oriana Fallaci), die der traditionale* Islam darstellt, wächst zusammen, was zusammengehört.

* Nichts liegt Mellenthin ferner, als die Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte etwa eines liberalen muslimischen Islamismus- und Multikulturalismus-Kritikers wie Bassam Tibi oder der seitens sunnitischer Traditionalisten als Häretiker angefeindeten Aleviten.

vendredi 15 février 2008

Kritiker des Modells der „Assimilation“: Euro-Islamist Erdogan


Ein islamistischer türkischer Premier bediente sich in Köln der Rhetorik des Multikulturalismus.

Als der Ministerpräsident der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, am vergangenen Wochenende in der Köln-Arena von 20.000 Türken oder Deutschen türkischer Herkunft „wie ein Popstar empfangen“ wurde (WELT Online, 10.2.), trat er keinesfalls als dumpfer Haßprediger, vergleichbar etwa einem radikalislamistischen türkischen Extremisten wie dem „Kalifen von Köln“, hervor. Vielmehr „bestach“ seine Rede durch den insbesondere auch bei „postnational“ sich wähnenden Deutschen so beliebten Diskurs eines „Rechtes auf Verschiedenheit“, des „Rechtes auf Anerkennung“ tradierter kultureller Bindungen: „Die Tatsache, daß Sie seit 47 Jahren Ihre Sprache, Ihren Glauben, Ihre Werte, Ihre Kultur bewahrt haben, vor allem aber, daß Sie sich gegenseitig stets unterstützt haben, diese Tatsache liegt jenseits aller Anerkennung. Ich verstehe die Sensibilität, die Sie gegenüber Assimilation zeigen, sehr gut. Niemand kann von Ihnen erwarten, Assimilation zu tolerieren.“ („Keine Toleranz der Intoleranz“ der deutschen Mehrheitsgesellschaft, nicht wahr?!) „Niemand kann erwarten, daß Sie sich einer Assimilation unterwerfen.“ (Unterwerfen soll sich die türkisch-muslimische Frau eher einem islamistischen Verschleierungsgebot, denn einem „assimilationistischen“ Verschleierungsverbot.) „Denn: Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Sie sollten sich dessen bewußt sein.“ Jenseits multikulturalistischer „Anerkennungs“-Rhetorik dürften – auch von juristischen Laien – „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ eher mit der vorsätzlichen Tötung von Zivilisten durch eine kriegführende Macht, mit Genozid, ethnischer Vertreibung, willkürlichem Freiheitsentzug, Folter, Vergewaltigung, sexueller Sklaverei assoziiert werden, als mit der Verweigerung einer Finanzierung oder Subventionierung türkischer Schulen in Deutschland aus deutschen öffentlichen Geldern.

Den 1,5 Mio. ermordeten Armeniern, die 1915/16 der ethnoreligiösen Völkermord-Politik der jungtürkischen Staatsführung des Osmanischen Reiches zum Opfer fielen, hätte niemand einschärfen müssen, sie sollten sich „bewußt sein“, einer unmenschlichen Behandlung ausgesetzt zu sein. In der Logik Erdogans jedoch wurden jene überlebenden Armenier, die in Frankreich Zuflucht vor ihren türkischen Häschern fanden, seitens der französischen Republik einem „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ ausgesetzt, weil sie sich – wie damals auch alle anderen Einwanderer – weitgehend an die bestehenden kulturellen Normen der französischen Gesellschaft angleichen (assimilieren) mußten, wollten sie nicht in soziokultureller Marginalität verharren.

Anstatt die – keineswegs spezifisch islamistische – Infamie in Erdogans Anti-Assimilations-Polemik grundsätzlich anzuprangern, beschränkt sich der NRW-Integrationsminister Armin Laschet auf die – zutreffende – Feststellung, in Deutschland verlange niemand den türkischen (oder anderen) Einwanderern Assimilation (im Sinne eines Integrationsmodells, wie es französische Republikaner oder US-Liberale favorisieren) ab. „Wenn Herr Erdogan Assimilation ein ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit’ nennt, sollte er sich im eigenen Land umschauen. Das, was die türkische Politik Kurden, Christen und Aleviten abverlangt, ist Assimilation, aber nicht, was in Deutschland geschieht.“ Sollte sich Deutschland (oder ein anderer europäischer Staat) in ferner Zukunft dazu entschließen, – auf das „republikanische Integrationsmodell“ Frankreichs rekurrierend – die Assimilation muslimischer Einwanderer voranzutreiben, so würde Laschet dies womöglich als eine Übernahme des „türkischen Modells“ geißeln.

Der Christdemokrat dürfte mit Erdogan darin übereinstimmen, daß (fundamentalistischen) Muslimen in der kemalistischen Türkei über Jahrzehnte hinweg schweres Unrecht widerfuhr, da sie an den Universitäten das Kopftuch ablegen, sich also an ihre laizistischen Kommilitoninnen „assimilieren“ mußten. Diesem „Unrecht“ wurde jüngst auf gesetzgeberischem Wege ein Ende gesetzt – wodurch die Türkei nicht nur islamischer, sondern auch ein Stück weit EU-kompatibler wurde.

lundi 28 janvier 2008

Nazis gegen Aleviten


Wenn Aleviten in der deutschen Öffentlichkeit als Muslime auftreten, die nicht nur bereit sind, die Rechtsordnung der säkularen Republik anzuerkennen, sondern auch wirkungsmächtig von ihren politischen Partizipationsrechten Gebrauch machen, um integristische Angriffe fundamentalistischer Muslime auf Verfassungsstaat und pluralistische Demokratie abzuwehren, so müssen dies Multikulturalisten, aber auch "klassische" Rassisten als Provokation empfinden. Denn eine ("allochthone") Muslima - so der islamistisch-multikulturalistisch-rassistische Konsens - habe sich gefälligst zu verschleiern.

Die folgenden Episoden aus dem rechtsextremistischen deutschen "Diskurs" führen vor Augen, wie die Verfechter eines ethnozentrischen Verständnisses des deutschen Volkes sich offen die Positionen "linker" und islamistischer Propagandisten eines Kotaus vor traditionalistischen oder fundamentalistischen Strömungen innerhalb der muslimischen Einwanderergesellschaften zu eigen machen.

I

Der NPD-Landesverband Niedersachsen lässt keinen Zweifel daran, dass in der Auseinandersetzung mit der „Tatort“-Episode „Wem Ehre gebührt“ seine Sympathien keinesfalls auf der Seite liberaler Muslime liegen:

"Jene Aleviten, die jetzt gegen den NDR wegen eines Tatorts Strafanzeige wegen »Volksverhetzung« gestellt haben, sind jedenfalls in dieser Bundesrepublik angekommen, die sich immer mehr durch Gesinnungsschnüffelei und Denkverbote auszeichnet. »Volksverhetzung« wird zur strafrechtlichen Keule für jene, die sich der Kritik auf mehr oder weniger elegante Weise entziehen wollen.

Spätestens aber wenn sich abzeichnet, daß hier die religiösen Hahnenkämpfe in diesem Fall zwischen Sunniten und Aleviten in Deutschland ausgetragen werden, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, daß das Gastrecht mißbraucht wird. Die Demonstration der Aleviten in Hannover sollte jedem Niedersachsen zeigen, was daraus wird, wenn Gäste anfangen, die Regeln zu bestimmen."

Aleviten gelten, auch wenn sie deutsche Staatsangehörige sind und - zum Unterschied von so manchem "Nationaldemokraten" - sich mit dem Staats- und Gesellschaftsmodell der freiheitlich-demokratischen Republik in toto identifizieren, der NPD also als "Gäste", die ihre Rechte "missbrauchen", wenn sie ihre bürgerlichen Freiheiten in Anspruch nehmen. Wenn Angehörige einer religiösen Minderheit wie der Aleviten Diffamierungen seitens des sunnitischen Mehrheitsislam (und dessen multikulturalistischer Weggefährten) öffentlich entgegentreten, so liegt in der Sicht der NPD ein "religiöser Hahnenkampf" vor. Dass deutsche Rechtsextremisten einen Muslim nicht von einem Muslim unterscheiden könnten, trifft freilich nicht zu: Der iranische Staatsterrorist Ahmadinedjad gilt den "nationaldemokratischen" Aleviten-Kritikern als Bannerträger der "Meinungsfreiheit", wenn er das Andenken der jüdischen Hitler-Opfer verhöhnt und der demokratischen israelischen Republik völkerrechtswidrig Gewalt androht.

II

Ich habe die Ekelschwelle überwunden und mir durchgelesen, was Politically Incorrect ("PI"), das Blog des als "Diplomsportlehrer" auftretenden Stefan Herre, über die politisch korrekte Aleviten-Schelte der Berliner tageszeitung vom 21.1.2008 zu sagen hat:

"Ausgerechnet von der linken taz erhalten wir jetzt unerwartet Schützenhilfe. [...] Vielen Dank an Necla Kelek und die taz für die klärenden Worte. Und ehrlich gesagt: Wenn das der “aufgeklärte Islam” sein soll, in den Beschwichtigungsdogmatiker ihre Hoffnungen für integrierte Türken in Deutschland setzen … den könnt ihr euch auch an den Turban stecken."

Tatsächlich stimmt "PI" nicht nur hinsichtlich der Aleviten "ausgerechnet" mit der "linken taz" - und anderen Multikulturalisten - überein. Radikale Multikulturalisten* wie Nazis lehnen den universalen Geltungsanspruch der Menschen- und Bürgerrechte ab, weshalb sie kein Problem darin sehen, wenn etwa tschetschenischen Muslimen die Scharia aufgezwungen wird. Die durchgängig pro-islamistischen Stellungnahmen von "PI" zu den Anti-Terror-Operationen der Russischen Föderation gegen die Schwesterorganisation von Taliban und Al Qaida in Tschetschenien habe ich hier thematisiert:

Grün-braun: Nazis für "Kosova" und Tschetschenien (6.10.2007)

Stefan Herre solidarisiert sich mit islamistischen Holocaust-Verharmlosern (20.10.2007)

Wann steigt Nazi-Blogger Stefan Herre beim "Watchblog Islamophobie" ein?
(23.10.2007)

Der von interessierter Seite gegen "PI" erhobene Vorwurf, alle Muslime in einen Topf zu werfen, trifft daher durchaus nicht den Kern der Sache. Vielmehr korrespondiert bei "PI" - wie in den Stellungnahmen der NPD - die Hetze auch und vor allem gegen liberale Muslime dem dröhnenden Schweigen über Menschenrechtsverletzungen ungeheuerlichen Ausmaßes, die von islamistischen Radikalen (etwa in Tschetschenien oder dem Iran) ausgehen. Auch die Völkischen von "PI" scheinen sich eher mit tschetschenischen "Freiheitskämpfern" identifizieren zu können, die zum Judenmord aufrufen, als mit Aleviten, die sich in die moderne deutsche Staatsbürgergemeinschaft vielfach mühelos zu integrieren scheinen - und sich darin in signifikanter Weise von ethnisch-deutschen "PI"- oder NPD-Anhängern unterscheiden.

P. S.: Stellen sich auch islamistische Bestialitäten, wie das gegen Aleviten gerichtete Massaker in Sivas im Juli 1993 (unser Bild) oder der Kindermassenmord tschetschenischer Islamisten in Beslan im September 2004, in den Augen rechtsextremistischer Kulturrelativisten als Akte "religiöser Hahnenkämpfe" zwischen sunnitischen Integristen und deren alevitischen resp. christlichen Opfern dar?

* Um Missverständnissen vorzubeugen: Necla Kelek repräsentiert durchaus keine radikal-multikulturalistischen Positionen, im Gegenteil, ihre Kritik an traditional-islamischen Parallelstrukturen (auch) in der BR Deutschland, verbunden mit ihrer Ablehnung einer kulturrelativistischen Infragestellung des universalen Geltungsanspruchs einer auf Menschenrechte gegründeten politischen Ordnung, hat ihr vehementen Widerspruch bis hin zu wüsten Anfeindungen jener eingebracht, die nun ihre Anti-Aleviten-Polemik mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben dürften.

samedi 29 décembre 2007

Die ersten Opfer der Beschwichtigung islamischer Integristen sind liberale Muslime



Wenn ich im Juli dieses Jahres schrieb:

"Im Falle des Erfolgs der Schäubleschen Bestrebungen, einem (mehrheitlich traditionalistischen) 'deutschen Islam' einen amtskirchenähnlichen Status einzuräumen, könnten etwa Aleviten, Ahmadis oder Bahai zu Angriffszielen staatlich subventionierter islamischer 'Sektenbeauftragter' werden",


so ist diese Befürchtung mittlerweile von der bundesrepublikanischen Wirklichkeit weitgehend eingeholt worden - wobei die Rolle islamischer "Sektenbeauftragter" freilich durch Nichtmuslime bereitwillig übernommen wurde:

"Von den Aleviten werden viele bislang nichts gehört haben, dabei leben sie mitten unter uns. Sie stellen eine große Gruppe unter den türkischen Einwanderern in Deutschland und unter den Muslimen dar. Aufgefallen sind sie bislang weniger, weil ihre Glaubensauffassung mit unserem Grundverständnis des säkularen Staates und einer offenen, liberalen Gesellschaft viel eher korrespondiert als jene fundamentalistischen Richtungen des Islams, welche die Religion nicht vom Staat trennen und anstelle des Grundgesetzes der Scharia folgen.

Seit vergangenem Sonntag aber machen die Aleviten auf sich aufmerksam, und zwar massiv. Sie werfen dem NDR vor, mit der „Tatort“-Episode „Wem Ehre gebührt“ Volksverhetzung zu betreiben. So lautet die Strafanzeige. Am Donnerstag gab es eine Demonstration vor dem ARD-Hauptstadtstudio in Berlin, am Samstag soll es in Köln eine Demonstration geben. Der „Tatort“, so der Vorwurf, leiste dem jahrhundertealten Vorurteil Vorschub, mit welchen die Sunniten die Aleviten brandmarkten. Es lautet: Die Aleviten hätten aufgrund ihres gleichberechtigten Verständnisses der Rolle von Frau und Mann eine unislamische, laxe Sexualmoral und betrieben Inzest."
(FAZ, 27.12.2007)


Während die FAZ in den Protesten der Aleviten allen Ernstes Umrisse eines deutschen "Karikaturenstreits" zu erkennen vermeint - als ob es sich bei den Aleviten, die unter Ausschöpfung aller legalen Mittel ihrer aus öffentlichen Geldern finanzierten Diffamierung Einhalt zu gebieten versuchen, um ein Äquivalent islamistischer Pogromisten handele -, greift die SZ, zur Freude der sunnitischen Orthodoxie, bei der Charakterisierung der liberalen Muslime unumwunden auf die Manier zurück, religiöse Minderheiten als Sekten zu stigmatisieren: In der Rubrik Aktuelles Lexikon firmieren die Aleviten und die "mit ihnen oft verwechselten Alawiten" als islamische "Sekten", die "von den meisten sunnitischen Muslimen als Ketzer betrachtet" würden. Dabei verschweigt der SZ-Autor nicht einmal, daß es die menschenrechtskonformen Praktiken der Alawiten und Aleviten etwa hinsichtlich der Gleichberechtigung der Frau sind, die zu "Spannungen mit den orthodoxen Sunniten" führen. (SZ, 29./30.12.2007) "Spannungen" - so oder ähnlich pflegen deutsche Journalisten Pogrome, die von muslimischen Radikalen ausgehen, zu nennen, zu deren Opfern etwa im (re-)islamisierten Kosovo-Metohija Serbisch-Orthodoxe, Katholiken, Juden, aber auch "unbotmäßige" Muslime geworden sind.