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jeudi 15 octobre 2015

Informationspolitik für Deutsch-Europa (31)

"Lüge und Statistik können nahe beieinanderliegen. Dafür lieferte vergangene Woche eine vielfach zitierte Umfrage unter knapp 900 syrischen Flüchtlingen ein Beispiel. Vor deutschen Massenunterkünften hatte eine Gruppe, die sich Adopt a Revolution nennt, zufällig ausgewählte Flüchtlinge befragt und als Ergebnis mitgeteilt: 69,5 Prozent der Befragten seien vor dem Assad-Regime und dessen Verbündeten geflohen. Schaut man jedoch genau auf die Daten, erkennt man schnell, dass deutlich mehr (82,2 Prozent) der Befragten angaben, sie seien vor den verschiedenen Milizen der Aufständischen geflohen.

In der Erhebung werden die Rebellengruppen einzeln aufgeführt – zusammengenommen bilden sie 82,2 Prozent. Weil die Befragten jeweils mehrere Fluchtgründe angeben konnten, ergibt die Summe aller konkreten Antworten nicht 100 Prozent, wie der schnelle Leser meinen könnte, sondern 151,7 Prozent. Daraus werden 178 Prozent, sofern man die Befragten miteinbezieht, die mit „ich weiß nicht“ antworteten. Letztere machen 16,3 Prozent der knapp 900 Befragten aus. Das sind etwa 145 Personen. Bleiben rund 750 Personen, die angaben, welche Parteien ihrer Meinung nach für den Bürgerkrieg verantwortlich seien.

Da ich das Urmaterial nicht kenne, unterstelle ich, dass fast alle, die Mehrfachantworten gaben, jeweils zwei Bürgerkriegsparteien als Schuldige bezeichneten. Demnach hätte die Hälfte (375 Personen) je nach geografischer Herkunft die Regierungstruppen und eine oppositionelle Miliz genannt. Bleiben 375 Personen, die sagten, die akute Lebensbedrohung sei von nur einer Konfliktpartei ausgegangen. Bestimmt gaben längst nicht alle dem Assad-Regime die Schuld an der aktuellen Lage. Anders als die Initiatoren der Studie einer unkritischen Öffentlichkeit weismachen wollen, flohen nicht fast 70 Prozent der Befragten allein wegen des Assad-Regimes aus Syrien, sondern allenfalls 20 Prozent. Etwa ebenso viele wiesen die Schuld allein den Rebellengruppen zu. Aber bis zu 60 Prozent aller Befragten erklärten, dass sowohl die Regierung als auch Gruppen der Aufständischen die himmelschreienden, zur Flucht zwingenden Zustände in ihrer Heimat verursachten. Dass deutsche Medien (Spiegel, FAZ, Anne Will usw.) die verzerrte Statistik nachgebetet haben, sagt einiges: Entweder sind die dafür verantwortlichen Journalisten unwillig, Statistiken zu prüfen, oder sie verstehen sich als Propagandisten, denen Details gleichgültig sind. Abgesehen von der Interpretation der Daten gilt es zu bedenken, dass Flüchtlinge, die in Deutschland Asyl suchen, ganz überwiegend wissen, welche Antworten opportun sind und welche nicht.

Verständig gelesen ergibt die Untersuchung, dass die Mehrzahl der Befragten alle Bürgerkriegsparteien für schuldig hält. (...)"


Götz Aly

mardi 20 janvier 2015

Ein Antidot gegen prodeutschen Geschichtsrevisionismus (16)

So viel steht fest: Weder Polen noch „der Westen“, „die Zivilgesellschaft“ oder die Nato haben Auschwitz befreit, sondern allein die sowjetischen Streitkräfte. Deswegen ist es gedankenlos, gefühlsroh und politisch fahrlässig, den 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zu begehen, ohne die Vertreter Russlands einzuladen. Äußerlich ist die polnische Regierung für diesen Missgriff verantwortlich; die Bundeskanzlerin mimt die Unbeteiligte. Doch findet sie es offenbar richtig, wenn Bundespräsident Gauck am 27. Januar in Auschwitz den Guten gibt, von Werten und historischer Verantwortung tönt, während die Russen als die Bösen zu Hause bleiben müssen. Grotesk – nein: widerwärtig.

Hierzulande verurteilte nur der Historiker Michael Wolffsohn diesen geschichtspolitischen Skandal: Selbstverständlich hätte man Putin „als Repräsentant des Landes, dessen Armee Auschwitz befreite“ einladen müssen, schließlich hätten „die Insassen 1945 auch nicht gefragt, ob Stalin koscher sei; sie wollten, dass ihr Leiden endet“. Ähnlich sah es der israelische Ministerpräsident Menachem Begin (1913-1992). Er wurde 1940 vom sowjetisch annektierten Litauen aus „als britischer Agent“ nach Sibirien verschleppt und kam dennoch zu diesem Schluss: „Verglichen mit der allgemeinen kolossalen Katastrophe unseres Volkes hat mein Unglück keine Bedeutung. Während dieser Katastrophe erwies die Sowjetunion den Juden unerwartet eine unschätzbare Hilfe. Ich werde mich immer daran erinnern, und kein Jude hat das Recht, dies zu vergessen.“

Zu den Soldaten der Roten Armee gehörten eine halbe Million Juden; 200.000 verloren im Kampf oder in deutscher Gefangenschaft ihr Leben. Deshalb feiert man in Israel den Sieg über Deutschland am 9. Mai, dem Datum der deutschen Kapitulation nach Moskauer Zeit. Gefeiert und besungen wird dieser Tag nicht irgendwo, sondern in der Holocaust-Gedenkstädte Yad Vashem – mit russischen Kriegs- und Partisanenliedern. Hitler hatte zu Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion die Parole ausgegeben, Sowjetsoldaten „sind keine Kameraden“. Auf dieser Grundlage ermordeten Deutsche in den nächsten acht Monaten zwei Millionen gefangene Rotarmisten mit den Mitteln der Massenexekution und des gezielten, von der Wehrmachtführung angeordneten Hungers. Trotz allem versagen die Spitzen der deutschen Politik den Soldaten der Roten Armee bis heute die Ehre, unter ihnen auch den jüdischen Gefallenen.

Wenden wir uns von diesem politischen Trauerspiel ab und erinnern an die Befreiung selbst: Am 27. Januar vor 70 Jahren verharrten noch 7000 verängstigte, fast erfrorene und verhungerte Häftlinge im KZ Auschwitz. In der Nacht zuvor war das letzte Krematorium gesprengt worden, am Morgen waren die letzten Wachleute geflohen. Um drei Uhr nachmittags, nach Gefechten mit zurückweichenden Verbänden der Wehrmacht, erreichten zwei vermummte Gestalten das Tor von Auschwitz-Birkenau, genauer gesagt: zwei Rotarmisten der 60. Armee der I. Ukrainischen Front. 213 ihrer Kameraden waren bei den Kämpfen um Auschwitz gefallen. Ihr Maschinengewehr zogen die beiden Männer auf einem Schlitten hinter sich her. Ein Freudenschrei erhob sich aus der Menge der Gefangenen: „Die Russen sind da!“


Götz Aly