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vendredi 6 août 2010

„Israel-Kritik“ und Antiokzidentalismus ohne pseudo-linke Allüren


Rezension – Ernst Nolte: Die dritte radikale Widerstandsbewegung: der Islamismus. Landt Verlag, Berlin 2009, 414 S., € 39,90

Israel wird – ungeachtet des Wunsches bestimmter Repräsentanten der offiziösen deutschen ‚Israel-Solidarität’, der jüdische Staat möge sich politisch-kulturell in die Region, deren Teil er sei, integrieren, mithin seinen westlichen Charakter aufgeben – auch im „Westen“ nach wie vor als nationalstaatliche Konkretion der kulturellen Moderne in einer dieser vermeintlich unzugänglichen Region gehandelt und als solche zur Disposition gestellt. Dies dokumentiert auf seine Weise auch das jüngste Werk des Historikers Ernst Nolte.

Gegenstand des Bandes ist der „Islamismus“ als die – nach dem Bolschewismus Lenins und dem „Radikalfaschismus“ Hitlers – „dritte radikale Widerstandsbewegung“ gegen eine welthistorische Tendenz, die Nolte mit den Begriffen der „Moderne“ und der „Modernität“ nur unzureichend erfaßt sieht. Als den „‚gemeinsame[n] Feind’“ dieser – in Noltes Lesart im Kern konservativ-revolutionären – „Widerstandsbewegungen“ macht der Autor jene „Tendenz zum ‚immer mehr – immer schneller – immer perfekter’“ aus, „die sich schon wegen der Großartigkeit der Verhältnisse und Ressourcen am besten in Amerika entfaltet hat, jedoch nicht auf Amerika beschränkt ist“. In diesem Kontext stellt Nolte die Frage, ob in der so beschriebenen „Moderne“ nicht „ein ganz trivialer Impuls“ wirksam sei, den Bismarck mißbilligend den „Willen zum Besserleben der Massen“ genannt habe. Selbst die „Systeme“ des (leninistischen) Kommunismus und des Nationalsozialismus hätten sich freilich den – progressistischen und ihrer Tendenz nach ‚hedonistischen’ – Maximen des Systems der „pluralistischen Demokratie des Westens“ nicht grundsätzlich verweigern können: „[…] auch wenn sie Opferbereitschaft und Selbstverleugnung von den Lebenden verlangten und oft erhielten, galt doch als Zweck nicht zuletzt die bessere Zukunft der noch Ungeborenen“. Als ein markantes Beispiel für die radikale Negation des ‚westlichen’ oder ‚modernen’ Postulats individueller Selbstentfaltung als eines Selbstzwecks im Kontext der „Verteidigungsaggressivität“ einer islamistischen Bewegung führt Nolte einen Vorgang in der „Islamischen Republik Iran“ an: „Bald nach dem Tode Chomeinis besuchte eine Gruppe von Kriegsveteranen dessen Grab und flehte ‚weinend um Vergebung, dass sie nicht gefallen waren’.“

Den „Feind“ der „drei Widerstandsbewegungen“, der sich nicht in „Amerika“, „dem Judentum“ oder „dem Kapitalismus“ fassen lasse, verortet Nolte schließlich (in seiner „Schlußbetrachtung“) als „ein ‚Etwas’ im Kapitalismus, das von nichtjüdischen und jüdischen Denkern bedacht und lange Zeit gerühmt wurde: das innerste Vermögen, oder besser: das eigentliche Schicksal des Menschen, ‚über sich selbst’, d. h. seinen gegenwärtigen Zustand und seine gegenwärtige Umgebung hinauszudenken und schließlich hinauszuhandeln: die Transzendenz – die Notwendigkeit, sich zu der Welt im Ganzen in eine emotionale Beziehung zu setzen und sie in Teilen zu erkennen, aus der schließlich die Möglichkeit hervorgeht, sich durch Konstruktionen, durch Teilungen und Neuzusammensetzungen von seienden Dingen der Erde und des nahen Weltraums zu bemächtigen. […]“

In vollem Einklang mit der (von Tilman Tarach vornehmlich unter israelpolitischem Aspekt thematisierten) „Blut- und Boden-‚Linken’“ – insbesondere in deren ökologistischer Varianz – problematisiert Nolte jenen ‚Fortschrittsenthusiasmus’, der „in seiner trivialsten Erscheinungsform auf die Formel ‚immer weiter, immer höher, immer perfekter’ gebracht werden“ könne. Tatsächlich gibt diese Formel einer ‚Säkularität’ Ausdruck, die sich diametral verhält zu jener ‚Kosmologie’ der Ökologisten, die sich nach dem 11. September 2001 in einer Bemerkung wie dieser niederschlug: „Selber schuld. Warum bauen die auch so hoch?“ Weit davon entfernt, sich auf die Ebene der Berliner Kultursenatorin Adrienne Göhler zu begeben, der der terroristische Anschlag auf das WTC offenbar wie eine Revanche für den Hochmut des Westens erschien, die Ordnung der Felder transzendiert zu haben, verhehlt Nolte nicht, es sei für ihn selbst „mehr und mehr zu einer bedrängenden Frage geworden“, ob er Abschied von der negativen Beurteilung des „Widerstandes gegen die Transzendenz“ genommen habe, als die er in früheren Werken den Faschismus (in seinen unterschiedlichen Ausprägungen) beschrieben hatte, und „vielleicht zum Verteidiger oder mindestens zum Sympathisanten eines solchen Widerstandes geworden“ sei. Als eine Folge des 11. September 2001 sieht Nolte ein Dahinschwinden des Exzeptionalismus der USA als eines großen Staates, dessen Bevölkerung von „‚Bedrohungsgefühlen’“ frei gewesen sei, und, damit verbunden, „ein stärkeres Verständnis für jene Staaten und Völker des 20. Jahrhunderts […], die gute Gründe hatten, sich bedroht zu fühlen“. Soweit Nolte „dem Islamismus“ die Rolle einer weltpolitischen Gegenbewegung zur Globalisierung unter den Bedingungen einer von „Amerika“ geprägten Modernität resp. ‚Verwestlichung’ zuspricht, läuft diese Perspektive freilich auf nichts anderes hinaus, als auf ein globales Appeasement gegenüber Gotteskriegern.

Deren theokratischen Universalismus und mit diesem verbundene Herrschaftsansprüche verkennt der Autor keineswegs. So stellt er die politisch-theologische Konzeption Sayyid Qutbs, eines führenden Theoretikers der Muslimbruderschaft, vor, der den Islam als „die universalistische und anarchistische Lehre von dem ‚Reiche Gottes’“ postuliert, „das in der Gegenwart nur in der Gestalt des islamischen Friedensreiches existiert, welches sich in einem ständigen, hin und wieder von Rückschlägen unterbrochenen, aber im Ganzen siegreich fortschreitenden Krieg (dschihad) gegen die nichtislamische, die ‚ungläubige’ Welt befindet (dar al-harb)“. Den „Islamismus“, wie ihn Qutb, Khomeini oder Bin Ladin repräsentieren, von einem „authentischen“ Islam abzugrenzen, liegt Nolte eher fern. Gleichwohl versteigt er sich – ungeachtet der von ihm erwähnten antijüdischen Religionsverfolgung des Religionsstifters Mohammed, der die Juden von Quraizah ermorden ließ – zu der Behauptung, radikale Islamisten setzten sich „schließlich sogar über Gebote“ hinweg, „die im klassischen Islam unbestritten waren wie diejenigen der Schonung des Lebens Unschuldiger und Wehrloser im Krieg“.

War Nolte in der Phase des deutschen „Historikerstreits“ (1986/87) mit seinen Postulaten eines „kausalen Nexus“ zwischen dem Bolschewismus und dem „radikalfaschistischen“ Hitlerschen Nationalsozialismus und des Vorbildcharakters der mit dem Gulag verbundenen Schreckensherrschaft für den Judenmord des „Dritten Reichs“ – als Pervertierung einer antikommunistischen ‚Verteidigungsaggressivität’ – auf scharfen Widerspruch der Mehrheit seiner Historiker-Kollegen sowie Jürgen Habermas’ gestoßen, könnten seine – strukturell durchaus ähnlichen – gegenwärtigen israelpolitischen Betrachtungen das Programm jedes rot-grünen „Palästina-Komitees“ unserer Republik bereichern: „… auch für alle Nichtjuden musste es bewegend sein, dass die leidenschaftlichen Vorwürfe, die keineswegs bloß von Islamisten gegen ‚die Zionisten’ und häufig ebenfalls gegen ‚die Juden’ gerichtet wurden, eine auffallende Ähnlichkeit mit den Anklagen gegen die nationalsozialistischen Massenmörder hatten, wobei freilich die fragwürdige These unterschwellig leitend war, dass die Vertreibung von Hunderttausenden, die damit einhergehenden Tötungen und die Verdammung von Millionen zu einer elenden Existenz in armseligen Massenlagern [sic] sich nicht grundsätzlich von den Massenmorden mit modernen technischen Mitteln unterschied. Aber wenn voreilige Gleichsetzungen zurückzuweisen waren, so ließ sich doch keinesfalls bezweifeln, dass dieser ‚Antisemitismus’ von vielen Millionen Semiten einen nur allzu begreiflichen ‚rationalen Kern’ hatte.“ Nolte, der die antisemitische „Feindbestimmung des Nationalsozialismus“ mit Blick auf deren Konsequenz: die „Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen unter Einschluss von zahllosen Frauen und Kindern“, als „völlig verwerflich“ kennzeichnet , betrachtet es allen Ernstes als unzulässig, Amin el-Husseini „die Ehre“ zu verweigern . Zwar hätten sich der Großmufti von Jerusalem und Hitler „auch ideologisch miteinander verbunden [gefühlt], nämlich in ihrer Judenfeindschaft, die allerdings bei Husseini als ‚Realantisemitismus’ bezeichnet werden sollte und bei Hitler als ‚Deutungsantisemitismus’, der alle feindlichen Phänomene in ‚dem Juden’ verkörpert sieht und sehen will“ . Warum dem „Realantisemiten“ Husseini die Verbreitung des Prototypus eines („säkular“-verschwörungstheoretisch begründeten) „Deutungsantisemitismus“, der „Protokolle der Weisen von Zion“, eine Herzensangelegenheit war, erläutert Nolte nicht. Auf der anderen Seite läßt er allerdings nicht gänzlich unerwähnt, daß der „Deutungsantisemit“ Hitler – „antizionistischer“ Legendenbildung zum Trotz – selbstverständlich auch Antizionist war: Wie „von allen [sic] Muslimen“, so sei „tendenziell auch von Hitler“ der Zionismus „als das Konzentrat und die Spitze ‚des Westens’ gesehen“ worden, „und zwar vor allem des ‚westlichen Unrechts’“.

Daß die mit der Staatsgründung der jüdischen Republik – resp. deren Vorbereitung – verbundene Herausforderung des traditionalistischen Islam keinesfalls als konstituierend für die antiwestliche Feindbestimmung „des Islamismus“ (der bereits 1928 in Gestalt der Muslimbruderschaft eine Institutionalisierung als ihrem Anspruch nach ‚globale’, keineswegs ausschließlich oder auch nur vorrangig auf eine Reislamisierung „Palästinas“ gerichtete Bewegung erfuhr) gelten kann – wie Noltes Ausführungen zum Zionismus suggerieren –, wird von Nolte selbst indirekt eingestanden, wenn er schreibt: „Schon der entstehende Islamismus musste eine Unterscheidung zwischen einem konkreten, sichtbaren Feind und einem allgemeinen Feind treffen. Der konkrete und sichtbare Feind war spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Zionismus als der räuberische Angriff auf ein Zentralland des Islam.“ Der Autor streicht in einer eher ideengeschichtlich angelegten Betrachtung des Zionismus (dessen verschiedenartige Ausprägungen er nicht grundsätzlich bestreitet) und dessen (jüdischer) Kritiker die „kolonialistischen“ und „völkischen“ Komponenten insbesondere des ‚Rechtszionismus’ in extenso heraus – ohne auf die Virulenz jener (von ihm so genannten) arabischen „Verteidigungsaggressivität“ einzugehen, die die Entscheidung eines im Palästina der Zwischenkriegs-Ära lebenden Juden für oder gegen den „radikalen“ Zionismus als eine Frage über (individuelles) Leben oder Tod erscheinen lassen mußte. Gleichwohl räumt er (in einer Fußnote) ein, Israel sei im Nahen Osten das einzige Gemeinwesen, das „die Freiheit der Meinungsäußerung und das Vorhandensein eines weiten Spektrums politischer und teilweise ‚staatsfeindlicher’ Doktrinen und Ideologien“ garantiere: „In keinem arabischen Staat gab es Derartiges, und es ist eine sehr einseitige Auffassung, wenn Israel nur in einem militärischen und machtmäßigen Sinne als Vorposten des Westens im Bereich der arabischen Staaten und der islamischen Welt insgesamt wahrgenommen wird.“

Bemerkenswerterweise wird die „Verteidigungsaggressivität“ des Regimes der Ajatollahs im Iran, der Nolte als die zur Staatlichkeit geronnene islamistische Bewegung gilt, nicht in systematischer Weise in ihren Auswirkungen auf die iranische Gesellschaft untersucht. Bezogen auf die Konsolidierungsphase der Gewaltherrschaft des Khomeinismus, stellt Nolte die Massenmorde an der oppositionellen Linken, etwa der Volksfedayin, als Reaktion auf marxistische Gewalttätigkeiten dar. Dem Schicksal der Bahai – einer im Iran immerhin Hunderttausende umfassenden Religionsgemeinschaft – in der islamischen „Republik“ ist ein einziger Satz gewidmet: „Die kleine Minderheit der Bahai wurde rücksichtslos verfolgt.“ Dabei hätte die Thematisierung „des Islamismus“ im allgemeinen und der iranischen (khomeinistischen) Revolution im besonderen gerade im Kontext des Nolteschen „Weltbürgerkriegs“-Konzepts geradezu nach einem historischen Vergleich der Methoden der Unterdrückung und Auslöschung geschrieen, die der Hitlersche „Radikalfaschismus“ auf der einen und der iranische Islamismus auf der anderen Seite nach innen gegenüber jenen praktizier(t)en, die sie – gleichsam als „Kombattanten“ ohne Kombattantenstatus – als „Agenten“ auswärtiger Mächte stigmatisierten und sämtlicher ihrer bürgerlichen Rechte beraubten. Wenn Nolte Israel als „Einsprengsel von Modernität“ in der ‚islamischen Welt’ problematisiert, so können auch die – infolge der islamischen Revolution (bis heute!) für vogelfrei erklärten – Bahai des Iran, da Befürworter einer säkularen, auf die Institutionalisierung von Menschenrechten gegründeten politischen Ordnung, als „Einsprengsel von Modernität“ inmitten einer islamistischen Diktatur betrachtet werden.


(Erstveröffentlichung in: HINTERGRUND. Zeitschrift für kritische Gesellschaftstheorie und Politik, II-2010)

dimanche 17 mai 2009

Früchte des "perversen Antikommunismus"

Sehr geehrter Herr Broder,
sehr geehrter Herr Maxeiner,
sehr geehrter Herr Miersch,

hiermit protestieren wir aufs schärfste gegen die geschichtsrevisionistischen Ausführungen Vera Lengsfelds, die auf Ihrer "Achse des Guten" erschienen sind (http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/doppeltagebuch_1989_2009_8_mai/). Vera Lengsfeld äußert sich hier, wie folgt, zum Fall Iwan Demjanjuk:

"Das Kriegsende vor spielt unter den heutigen Topthemen keine Rolle. Eher schon die bevorstehende Auslieferung von Iwan Demjanjuk, dem Mittäterschaft am Tod von tausenden Häftlingen vorgeworfen wird. In der stalinistischen Sowjetunion war der Mann Traktorfahrer. Er hat also die stalinistische Willkür gegenüber der ländlichen Bevölkerung miterlebt. Dann wurde er Soldat. An der Front hat er mitansehen müssen, wie die Soldaten der Roten Armee verheizt wurden. Als er gefangen genommen wurde, wusste er, dass seine Familie daheim verhaftet und in die Lager deportiert werden würde. Nach einem stalinistischen Gesetz war nicht nur der kriegsgefangene Soldat ein Verräter, sondern eben auch seine Familie. Er hat sich dann von den Nazis anwerben lassen und als Aufseher in Vernichtungslagern gearbeitet. Als „Iwan der Schreckliche“ soll er dort unzählige Gräueltaten begangen haben. Die Israelis haben ihn dafür zum Tode verurteilt, nach sieben Jahren Haft wegen Mangel an Beweisen freigelassen. Demjanjuk kehrte nach Amerika zurück. Was bleibt vom Leben, wenn die frühere Existenz von den beiden totalitären Diktaturen so vollständig zerrieben wurde? Nun will ihn die deutsche Justiz und man wird das Gefühl nicht los, sie will ein Exempel statuieren, um von ihrem Versagen bei der juristischen Bewertung der Verbrechen der beiden totalitären Diktaturen des letzten Jahrhunderts abzulenken." (Hervorhebung von uns)

Zum einen wird das Schicksal von Familienangehörigen Demjanjuks, die infolge "stalinistische(r) Willkür" deportiert worden seien, umstandslos mit dem Schicksal der jüdischen (und nicht-jüdischen) Opfer nationalsozialistischer Völkermord-Verbrechen gleichgestellt, an deren Ausführung Demjanjuk mitwirkte (was auch Lengsfeld nicht bestreitet). Somit nivelliert die Autorin die Singularität des NS-Judenmords in einer Weise, die noch über die Auslassungen eines Martin Hohmann in diesem Zusammenhang hinausgeht. Zum anderen jedoch ordnet Lengsfeld - was weitaus gravierender ist - den Täter Demjanjuk allen Ernstes den Opfern des Stalinismus UND des Nationalsozialismus zu.

In der Logik eines "perversen Antikommunismus" (Ralph Giordano), wie ihn Lengsfeld nicht erst seit dem 8. Mai dieses Jahres artikuliert hat, könnte etwa der Fall Gregor Gysi als Analogon zum Fall Demjanjuk betrachtet werden: Eine Reihe von Gysis Familienangehörigen fiel der Nazi-Diktatur zum Opfer, und in einer anderen "totalitären Diktatur" trat Gysi als "Täter" hervor. Würde Lengsfeld Gysi (dessen Handlungen - nota bene - nur in der Logik eines rasenden Antikommunismus mit jenen Demjanjuks auch nur im entferntesten vergleichbar sind!) etwa mitleidvoll bescheinigen, seine Existenz sei von zwei "totalitären Diktaturen" "vollständig zerrieben" worden? Natürlich nicht! Würde sich irgendein Parteifreund Gysis derart äußern, wäre Lengsfeld unter den ersten, die dies als Beweis für eine pro-totalitäre Haltung der "Linkspartei" anführten.

Die gleichen Maßstäbe sollten an die ungeheuerlichen Äußerungen Lengsfelds zum Fall des Hitlerschen Schlächters Demjanjuk angelegt werden - Äußerungen, wie sie sich bislang ausschließlich in neonazistischen Publikationen, etwa der "Deutschen National-Zeitung" Gerhard Freys, fanden.

Eine "Achse des Guten", deren Engagement für bürgerliche Freiheit gegenüber religiösen Fanatikern und Ökologisten/Environmentalisten wir außerordentlich schätzen, darf sich nicht zum Sprachrohr einer Exkulpierung der willigen Vollstrecker Hitler-Deutschlands machen. Wer Demjanjuk für ein "Opfer" zweier totalitärer Diktaturen erklärt, hat sich aus dem Konsens der wirklichen Antitotalitaristen herauskatapultiert.

Wir wären Ihnen außerordentlich verbunden, wenn Sie uns darüber in Kenntnis setzen könnten, welche Konsequenzen Sie aus der Veröffentlichung der genannten Äußerungen Lengsfelds ziehen.

Mit freundlichen Grüßen,

Mark P. Haverkamp
Daniel Leon Schikora
Tilman Tarach

Vgl: http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/demjanjuk/

jeudi 16 avril 2009

Rezension - Tilman Tarach: Der ewige Sündenbock


Wie Israel stellvertretend für die europäische Moderne angegriffen wird.*

Die „linke“ Solidarisierung mit der „vaterländischen Bewegung“ der „Palästinenser“, die ihrerseits ihre panislamistischen Ursprünge niemals verhehlte, stellt eine politische Groteske dar, die bereits in den vergangenen Jahrzehnten bisweilen aufs Korn genommen wurde (so etwa von Henryk M. Broder). Allerdings fügt sich Tarachs Philippika gegen die Kollaboration der „sogenannten Linken“ – der Autor behandelt schwerpunktmäßig die (west-)deutsche „Neue Linke“ und ihre Erben – mit einer antisemitischen islamischen Rechten keineswegs lückenlos in einen „neokonservativen“ Diskurs ein: Jedwede (radikale) Linke als genuin freiheitsfeindlich und latent antisemitisch zu zeichnen, ist seine Sache nicht. Vielmehr spiegelt sich in Tarachs Werk das Leiden des Autors am Verrat einer selbsterklärten Linken an für die originäre (europäische) Linke programmatisch verpflichtenden Prämissen eines humanistischen Universalismus wider: an dem Recht auf radikale Religionskritik (das institutionell gewährleistet ist erst im Falle der Verdrängung herrschaftlicher Religion aus der Sphäre des Politischen) sowie an dem telos der Selbstorganisation freier Individuen jenseits ethnischer Zwangskollektive.

Wenn das Gros der deutschen „Neuen Linken“ sich ab 1967 scharf gegen Israels vermeintlich „aggressive“ Sicherheitspolitiken wandte (nachdem der SDS nur wenige Jahre zuvor noch für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen der BR Deutschland zur jüdischen Republik demonstriert hatte), so führt Tarach dies nicht zuletzt auf eine „unsterbliche Liebe“ der sogenannten Linken „zum Verlierertum“ (S. 281) zurück: Der einzige freiheitliche Verfassungsstaat im Nahen Osten galt dieser „Linken“ (erst) zu dem Zeitpunkt als Aggressor, als er sich gegenüber seinen ihm in Todfeindschaft gegenüberstehenden Nachbarn als wehrhaft erwies. Als einen weiteren Grund für „linken“ Antizionismus nennt der Autor eine unkritische Übernahme der israelfeindlichen Haltung der UdSSR (die die Gründung der israelischen Republik begrüßt und diese während des Unabhängigkeitskrieges 1948/49 mit Waffen versorgt hatte, seit den 1950er Jahren jedoch einseitig auf die arabische Karte setzte). Dies trifft gewiss auf den prosowjetischen Teil der westdeutschen „Linken“ zu, mutatis mutandis gilt der Befund einer auswärtigen Einflussnahme auf israelpolitische Positionen einer „radikalen Linken“ freilich auch für die Rezeption der israelfeindlichen Polemiken der VR China im maoistischen Spektrum Westdeutschlands, das Tarach nicht explizit erwähnt.

Tarach schließt das letzte (17.) Kap. mit einer treffenden Polemik gegen jenes Segment der bundesdeutschen „Linken“, das wie kein anderes in den Jahren 1998-2005 die Regierungs-, nicht zuletzt auch die Außenpolitik unserer Republik bestimmte:

„In der ökologischen Nische der ‚Palästina-Solidarität’ konnte dann zunehmend eine Blut-und-Boden-‚Linke’ Fuß fassen (vertreten beispielsweise durch die konsequent antizionistische Sponti-Postille ‚Pflasterstrand’), die aber auch in anderen Fragen einen Verrat an den Werten der Aufklärung begangen hatten, am grundsätzlichsten vielleicht durch ihre Wissenschaftsfeindlichkeit.

Wer unter Hitler Denunziant oder KZ-Wärter geworden wäre, fand nun Gefallen an der Forderung ‚Juden raus aus Palästina’ (die sich hinter antiimperialistischen Phrasen notdürftig versteckte). Wer aufgrund seiner Psychostruktur am liebsten die scheußliche soziale Ungleichheit der Geschlechter verteidigt und für die deutschtümelnden Heimatvertriebenen-Verbände gekämpft hätte, konnte nun, weil ihm seine 'linke' Sozialisation dies nicht erlaubte, sein Herz stattdessen für die heimatvertriebenen Palästinenser entdecken. Und die gleiche verlogene und schlappe Pseudo-Linke, die Anfang der 80er Jahre im Falklandkrieg vor lauter ‚Antiimperialismus’ den argentinischen Samba-Faschismus gegen England verteidigte, unterstützt heute den palästinensischen Wasserpfeifen-Faschismus gegen Israel.“
(S. 284 f.)

Die Lektüre von Tarachs Buch ist jedem zu empfehlen, der an einer kompakten Einführung in die Motivation einer pseudo-linken „Israel-Kritik“ interessiert ist, deren antimodernistischen, antiwestlichen Kern der Autor schonungslos offen legt. Bei der Parteinahme nicht nur „linker“ Feinde Israels für islamische „Freiheitskämpfer“, welche – keineswegs nur in „Palästina“ – der „eigenen“ Jugend keine anderen Perspektiven gesellschaftlicher Organisation zu bieten haben, als die der Vorbereitung auf Suizid-Attentate, handelt es sich nicht um eine verfehlte Einschätzung irgendeines internationalen Konflikts, sondern um ein offenes Bekenntnis zur Barbarei.

Tilman Tarach: Der ewige Sündenbock. Heiliger Krieg, die „Protokolle der Weisen von Zion“ und die Verlogenheit der sogenannten Linken im Nahostkonflikt. Freiburg: Edition Telok 2009. 300 S., 19.80 €

* Der vollständige Text der Rezension wird in EUROjournal pro management 2/2009 (Juni 2009) erscheinen.