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vendredi 12 décembre 2014

In memoriam Ralph Giordano


"Wie bedenken- und skrupellos der Adenauer-Staat vorging, wie weit ihn ein perverser Antikommunismus trieb, bewies die Regierung im Mai 1955, als sie die „Organisation Gehlen“ in den Dienst der zweiten deutschen Demokratie übernahm. Eine komplette Abteilung des ehemaligen Oberkommandos der Hitler-Wehrmacht, die Abteilung Fremde Heere Ost, wurde zum Organ des Bundeskanzleramtes! Während ihre Spionage im Rahmen des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion eine wichtige Rolle gespielt hatte, wurde sie nun zum Bundesnachrichtendienst umfunktioniert, damit sie ihre Arbeit zum Schutze des christlichen Abendlandes leistete."

Am 10. Dezember verstarb mit Ralph Giordano (* 1923) ein Autor, der sich in herausragender Weise sowohl um eine kritische öffentliche Auseinandersetzung mit der weitgehenden juristischen und politischen Nichtaufarbeitung des Kriminalitätskomplexes der Genozidverbrechen Nazideutschlands in der BRD, als auch um das Gedenken des Genozids an den Armeniern in Anbetracht der türkisch-nationalistischen Politik der Leugnung verdient gemacht hat. Im folgenden sei aus Anlass des Todes des streitbaren Demokraten und Antifaschisten ein Kommentar zur Beteiligung Giordanos an einer religionspolitischen Kontroverse des Jahres 2007 dokumentiert.

„Ich werde auch weiterhin auf meiner kulturellen Selbstbestimmung beharren, auf einer Lebensform, die die meine ist und die in mannigfacher Hinsicht mit der muslimischen nicht übereinstimmt. Und ich will das sagen dürfen, unbehelligt. Ich will sagen dürfen, dass ich auf deutschen Straßen weder Burka noch Tschador begegnen will, so wenig wie Muezzin-​Rufe von haushohen Minaretten hören.“

Diese Worte stammen nicht aus dem Munde eines völkischen Romantikers oder eines Klerikalkonservativen. Vielmehr stammen sie von dem deutsch-​jüdischen Schriftsteller Ralph Giordano, der in der deutschen Öffentlichkeit bisher mit dem Anliegen einer kompromisslosen Aufklärung über die Völkermorde der Nazis assoziiert wurde.

So prangerte Giordano etwa in seiner Buchveröffentlichung „Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein“ (1987) das weitgehende Fehlen einer adäquaten Ahndung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen durch die Justizorgane der Bundesrepublik Deutschland und den Rückgriff auf Funktionseliten des „Dritten Reiches“ in die Apparate der Exekutiv– und Legislativorgane des demokratisch reorganisierten (West-)Deutschland an, verschwieg aber auch nicht die geschichtspolitisch fatalen Auswirkungen des (...) „verordneten Antifaschismus“ der DDR.

Was weniger bekannt sein dürfte: Insbesondere in den 80er Jahren engagierte sich Giordano vehement für eine Aufklärung der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit über den von der osmanischen Staatsführung ausgehenden Völkermord an den Armeniern 1915/​16, was dem zivilcouragierten Autor seitens türkischer Nationalisten wüsteste, antisemitische Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen eintrug.

Genau dies wiederholte sich nun im Zusammenhang mit Giordanos kritischen Stellungnahmen zu einem geplanten Repräsentativbau einer Moschee in Köln-​Ehrenfeld mit zwei 55 Meter hohen Minaretten – ein von allen etablierten kommunalpolitischen Kräften des sogenannten „Verfassungsbogens“ (Edmund Stoiber) kritiklos mitgetragenes Projekt, das Giordanos Auffassung nach eine Integration der Muslime vortäusche, die tatsächlich nicht gelungen sei:

„Meine Forderungen an die politische Leitung der Stadt Köln, die Pläne zum Bau einer zentralen Großmoschee in Köln-​Ehrenfeld einzustellen, weil sie angesichts der gescheiterten Integration ein falsches Bild von den wahren Beziehungen zwischen muslimischer Minderheit und Mehrheitsgesellschaft entwerfen, haben mir Morddrohungen eingebracht, unmissverständlich und in türkischer Sprache – womit ich diesen Teil der muslimischen Minderheit nicht unter Generalverdacht stellen will.“

Der islamische Ansprechpartner der städtischen Behörden beim Bau der Großmoschee ist die Türkisch-​Islamische Union (Ditib), die unter der Kuratel der – ursprünglich säkularistisch ausgerichteten, mittlerweile jedoch „fundamentalistisch“ durchsetzten – Religionsbehörde des türkischen Staates, Diyanet Isleri Baskanligi, steht.

Der Moscheebau-​Kritiker Giordano hat sich (...) aus multikulturalistischer Sicht des Vergehens schuldig gemacht, aus der „ethnischen“ Nische, die man hierzulande einem überlebenden Juden gern zugesteht, herauszutreten und als deutscher Bürger Partei zu ergreifen (...). In diesem Sinne verwies der Kölner CDU-​Oberbürgermeister Fritz Schramma expressis verbis auf das Verfolgtenschicksal Giordanos, um sein Unverständnis über dessen islampolitischen Standpunkt zum Ausdruck zu bringen, nach der Devise: Wem die Nazis das Recht auf Leben absprachen, der muss aus der Geschichte lernen – und islamistische Herrschaftsansprüche unterstützen.

Daniel Leon Schikora

Während die junge Welt einen leidlich fairen Nachruf auf Ralph Giordano veröffentlichte (jW, 11.12.2014), gab das Neue Deutschland dem Israel-Hasser und Djihadismus-Apologeten Fabian Köhler Gelegenheit, den verstorbenen Antifaschisten in den Schmutz zu ziehen:

"Am Montag starb der Schriftsteller und Publizist Ralph Giordano. Medien würdigen den Holocaust-Überlebenden für seinen Kampf gegen Rechts. Als einen auch im hohen Alter stets hellwachen Kritiker totalitärer Regime. Als großen Humanisten. Dagegen ist nichts einzuwenden, wäre Giordano vor zehn Jahren gestorben. Denn neben seiner Kritik an (fehlender) deutscher Vergangenheitsbewältigung und seinem öffentlichen Kampf gegen Rechtsextremismus, bleibt Giordano auch als nicht immer unfreiwillige Galionsfigur einer rechten Islamhasserbewegung in Erinnerung. (...) Nicht zuletzt übersteht Giordanos Umgang mit der muslimischen Minderheit in Deutschland aber auch sein eigenes Urteil nicht. Die 'ungeteilte Humanitas' - also das Bekenntnis zur Gleichwertigkeit allen Menschseins - ist das Leitmotiv seiner Autobiographie. Was aus ihm geworden war, schreibt Giordano dort selbst: 'Ein Antifaschist, der die Humanitas teilt, ist keiner.'" (ND, 11.12.2014)

Seine völlige innere Beziehungslosigkeit sowohl zur kommunistischen als auch zur bürgerlich-demokratischen Phase des Lebenswerks Giordanos bringt der ND-Autor darin zum Ausdruck, dass er die politische Biographie des Shoah-Überlebenden (soweit er sie goutiert) nur fassen kann in - von ihm paraphrasierten - abgedroschenen Phrasen aus dem Arsenal des bundesrepublikanischen Hurrapatriotismus ("Kampf gegen Rechts", "hellwacher Kritiker totalitärer Regime", ...), mit denen sich ebenso eine Eloge auf, sagen wir: Wolfgang Thierse bestreiten ließe. Anlässlich des Versterbens des Juden und Säkularisten Giordano bietet das ND einem Autor ein Podium, der in der Manier eines Martin Hohmann von einem "recht gottlosen Nationalsozialismus" faselt, und dem alles, was Antifaschismus ausmacht - und was sich jedenfalls in den besten Momenten des Wirkens Giordanos manifestierte - ein Greuel sein muss.

* In derselben Ausgabe des ND erschien aus der Feder von Karl Vesper ein von Empathie getragener Nachruf auf Ralph Giordano.

lundi 20 juillet 2009

Orientalisierung

Die Auszeichnung Felicia Langers mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse beleuchtet schlaglichtartig, wie wenig der deutsche Staat sich im Konfliktfall an regierungsoffizielle Bekenntnisse einer besonderen Verantwortung Deutschlands für Israel gebunden sieht. Wer die "menschenrechtlichen" Aktivitäten Langers, die eine einseitige Verurteilung der Sicherheitspolitiken israelischer Regierungen mit einer Anpreisung islamistischer Mörderbanden, wie Hamas und Hisbollah, als Gesprächspartner des diffamierten israelischen Staates verbindet, für auszeichnungswürdig hält, dem kann eines nicht nachgesagt werden: daß er sich mit Teheran oder Riad in einem "Kampf der Kulturen" befinde ...

In gebotener Klarheit hat Ralph Giordano die Entscheidung des Staatsministeriums Baden-Württemberg als einen Akt der Kumpanei mit einer 'Menschenrechts'politik verurteilt, die in Deutschland "jener verbreiteten Gesinnung, sich vom eigenen Schulddruck durch Kritik an Israel zu entlasten", korrespondiert. "Was mich in dieser inzwischen bereits eine Generation andauernden Fehde immer am tiefsten entsetzt hat, ist Felicia Langers unverbergbare innere Beziehungslosigkeit zur Welt der israelischen Opfer."

Giordano schließt mit der Aufforderung an das Staatsministerium, die Verleihung des Ordens rückgängig zu machen. Käme dieses Giordanos Forderung nach, so ließe es damit Baden-Württemberg und Deutschland etwas weniger "orientalisch" erscheinen, als es ihre "Zivilgesellschaften", in deren "Mitte" sich auch ein Norbert Blüm und ein Rupert Neudeck tummeln, tatsächlich sind.

vendredi 24 avril 2009

Zum 94. Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern


„Am 22. April 1939, also am Vorabend des von ihm und dem nationalen Kollektiv seiner Anhänger vorsätzlich vom Zaun gebrochenen Zweiten Weltkriegs, erklärte Adolf Hitler den versammelten Kommandeuren der SS-Todesschwadronen und einer höchst willfährigen Wehrmachtsgeneralität:

‚Ich habe meine Totenkopfverbände bereitgestellt mit dem Befehl, unbarmherzig und mitleidslos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken. Nur so gewinnen wir den Lebensraum, den wir brauchen.’ Und dann:

„WER REDET DENN HEUTE NOCH VON DER VERNICHTUNG DER ARMENIER?“

Wer? Wir, wir! Atome, Moleküle jenes schlaflosen Gewissens der Menschheit, das soviel Ausdauer braucht.“


Ralph Giordano in seiner Rede zum 90. Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern, 24. April 2005

Ein Verdienst von Otfried Höffes Werk „Demokratie im Zeitalter der Globalisierung“ (1999) ist es, der Tendenz zu einer widerstandslosen Hinnahme totalitärer Angriffe unter dem Vorwand des „Dialogs der Kulturen“ die Konzeption eines weltrepublikanischen Gemeinwesens entgegengesetzt zu haben. Als dessen Voraussetzung betrachtet Höffe die Universalisierung von Bürgertugenden, zu welchen er einen zunächst weitgehend auf die nationalstaatliche Solidargemeinschaft konzentrierten, tendenziell und potenziell jedoch kosmopolitisch aufgefassten Gerechtigkeitssinn zählt. Als dessen höchste Stufe manifestiert sich der Welt-Gerechtigkeitssinn auch in einem „kritischen Weltgedächtnis“, das der weit verbreiteten Verharmlosung von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (z. B. solcher, die in anderen Kontinenten an Angehörigen fremder Kulturen verübt und u. a. von „westlichen“ Anhängern des Multikulturalismus „aus ihrem kulturellen Kontext“ erklärt werden) Einhalt zu gebieten vermag: „Daß gewisse Genozide tief ins Weltgedächtnis eingegraben, andere dagegen lieber kleingeredet oder verdrängt werden, ist ein elementares ‘anamnetisches Unrecht’, dem ein gerechtes Weltgedächtnis dadurch entgegentritt, daß es die unterschiedlichen Gewalttaten in Erinnerung hält.“

Das „anamnetische Unrecht“ an den Armeniern findet innerhalb der türkischen Grenzen seine institutionelle Garantie nicht zuletzt in der strafrechtlichen Verfolgung türkischer Menschenrechtler, die den Genozid öffentlich als solchen thematisieren, wie es auch der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink getan hatte, bevor er im Januar 2007 von fanatischen Nationalisten ermordet wurde. Jedoch beteiligten (und beteiligen) sich auch „westliche“ Regierungen an der Verschleierung des völkermörderischen Charakters des jungtürkischen Armeniermordes.

Bis heute hat sich der Deutsche Bundestag nicht dazu durchgerungen, auf gesetzgeberischem Wege einem angemessenen öffentlichen Gedenken der Opfer des anti-armenischen Völkermordes bundesweit zur Geltung zu verhelfen. Ein solcher Vorstoß könnte sich etwa an dem diesbezüglichen Gesetzestext der Französischen Republik aus dem Jahre 2001 orientieren: „Frankreich erkennt öffentlich den armenischen Genozid von 1915 an. Dieses Gesetz wird als staatliches Gesetz angewandt.“

dimanche 22 juin 2008

22. Juni 1941: Zum 67. Jahrestag des Vernichtungsfeldzugs gegen die UdSSR


"Es ist mir öfters die Frage gestellt worden, meist wohl von ehemaligen Nazis, die sich an mich heranmachen wollten: „Warum haben die Westalliierten nicht im Spätwinter 1944, als Hitlers Niederlage schon besiegelt war, eine ‘Umkehr der Allianzen’ vollzogen und sich mit den Deutschen, ohne Hitler und seine Leute, gegen die Russen gewandt?“ Rein technisch wäre dergleichen schwierig, aber möglich gewesen, denn die Vereinigten Staaten waren intakter, reicher als je zuvor, Rußland schrecklich verwüstet und ausgeblutet. Die Unmöglichkeit, auch nur einen solchen Gedanken zu fassen, lag im Psychologischen und Moralischen."*

"55 Jahre später", schrieb ich im Mai 1999 mit Blick auf diese Äußerung Golo Manns, "erscheint die Annahme als abwegig, Blair oder Clinton könnten auch nur die geringsten moralischen Bedenken gehabt haben, als sie nun die bereits mit der Konstituierung der NATO 1949 erfolgte „Umkehr der Allianzen“ in einem Aggressionskrieg gegen ein Gründungsmitglied der Vereinten Nationen zu erproben sich entschlossen - mit Deutschen wie Schröder und Fischer, die mit der gleichen Vehemenz, mit der sie noch vor 10 Jahren die Legitimität der NATO als Verteidigungsorganisation in Zweifel stellten, dem Slawenmord unter dem Panier der Faschismusbekämpfung das Wort reden."

* Golo Mann in Die Zeit im Februar 1985. Zitiert nach: Ralph Giordano, Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein, Hamburg 1990, S. 211.

mardi 6 mai 2008

Islamische Integristen - Opfer eines neuen Faschismus?


Dem Kabarettisten Hagen Rether gebührt das Verdienst, im Rahmen der ARD-Kabarettsendung Scheibenwischer vom 29. Dezember 2007 eine der Lieblingsbeschäftigungen „politisch korrekter“ Tugendwächter unserer Republik in extenso vorgeführt zu haben: den Kampf gegen die „Islamophobie“. Dieses Verdienst wird nicht dadurch geschmälert, dass Rether dies keineswegs in einer kritisch reflektierenden Weise tat, sondern indem er durch eine (offenkundig ernst gemeinte) Polemik hervortrat, welche die Argumentationsmuster der multikulturalistischen Kämpfer gegen das „Feindbild Islam“ derart zuspitzte, daß sie – ungewollt – die Abstrusität der islamophilen Haltung deutscher (und europäischer) „Linker“ offen legte.

Analog zu den sich selbst als „zivilcouragiert“ begreifenden Verfechtern eines im Jahr 2000 sogar regierungsoffiziell proklamierten „Aufstandes der Anständigen“ (Gerhard Schröder) gegen „Rechts“, präsentiert sich Rether als der vor Kühnheit zitternde Rebell, der sich dem „aktuellen Lieblingsspiel der Deutschen“, dem „Moslem-Bashing“, verweigert – und der stattdessen die für terroristische Aktivitäten „in Sippenhaft“ (sic!) genommenen Muslime vor der „Präventiv-Paranoia“ seiner Landsleute in Schutz nimmt. Henryk M. Broder, Ralph Giordano und sogar Günter Wallraff stellt Rether als Stichwortgeber einer faschistoiden anti-muslimischen Meute dar. Tatsächlich gehören diese drei Persönlichkeiten zwar keinem gemeinsamen politischen Lager (etwa irgendeiner „Anti-Islam-Partei“) an, stimmen aber zumindest in einem Punkt überein: Ihre islam(ismus)kritischen Stellungnahmen haben weder eine fremdenfeindliche oder gar „rassistische“ Tendenz, noch haben sie jemals die Menschen- und Bürgerrechte eines Muslims in Frage gestellt, etwa indem sie von ihm verlangt hätten, seinem Glauben abzuschwören.

Für die realen muslimischen Opfer des von „Islamophoben“ thematisierten islamischen Integrismus inmitten Deutschlands hat Rether hingegen nur Hohn und Spott übrig: „Und dann noch ’ne Prise Zwangsheirat und ’ne Prise Ehrenmord, und dann haben wir den bösen Moslem. Wir backen uns einen Feind, zugeschaut und mitgegraut.“ Ralph Giordanos Absage an einen „Multi-Kulti-Kuschelkurs“ kontert Rether, wie folgt: „Die Alternative zum Kuschelkurs, die können wir seit zwanzig, dreißig, vierzig Jahren im Nahen Osten uns angucken.“ In dieser Logik könnte die Tatsache, daß seit 2003 über eine halbe Million irakischer Christen ihre Heimat verlassen mußte, darauf zurückgeführt werden, daß die christlichen Gemeinschaften des Irak sich zu wenig tolerant gegenüber der muslimischen Mehrheitsbevölkerung verhalten hätten …

Darüber hinaus versteigt sich Rether – ohne ein Gran an Selbstironisierung erkennen zu lassen – zu der Unterstellung, im Falle einer Aufführung von Monty Pythons “Das Leben des Brian” im Kölner Dom würden von katholischen Fanatikern “fundamentalistische” (Gewalt-)Akte ausgehen, wie sie tatsächlich von jenen islamischen Fundamentalisten verübt werden, die in Salman Rushdies “Satanischen Versen” eine ahndungswürdige Gotteslästerung sehen (deretwegen Ajatollah Khomeini 1989 zur Tötung des Schriftstellers aufrief – ein Mordaufruf gegen einen EG/EU-Bürger, den die Islamische Republik Iran bis heute nicht zurückgenommen hat). Nicht einmal vor einer ausdrücklichen Identifikation gegenwärtiger Abneigung gegen “den Islam” mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft schreckt Rether zurück: “Wir hatten hier schon mal ’ne Zeit in Deutschland, wo man Bücher für gefährlich hielt”, mahnt er, wohl ohne zu merken, daß er durch “historische Vergleiche” dieser Art – mit Blick auf Bücherverbrennungen in islamistisch regierten Ländern – sehr schnell auf sich selbst den Verdacht der “Islamophobie” ziehen könnte.

samedi 6 octobre 2007

Grün-braun: Nazis für "Kosova" und Tschetschenien


Die diesjährige September-Ausgabe des von André Lichtschlag herausgegebenen libertären Magazins eigentümlich frei (ef) enthält ein Interview mit dem extremistischen Blogger Stefan Herre, der von sich behauptet, durch sein Organ Politically Incorrect (PI) eine breite Leserschaft kontinuierlich über freiheitsfeindliche Bestrebungen muslimischer Einwanderer zu informieren. Daß „ef“ dem „Islamophoben“ Herre, den es als „Kreuzritter“ vorstellte, die Möglichkeit gab, seine politischen Vorstellungen einem libertären Publikum gegenüber darzulegen, stieß im Umfeld von Lichtschlags Magazin nicht ungeteilt auf Gegenliebe. So nahm sich der libertäre Feminismus-Kritiker Arne Hoffmann, der erklärtermaßen auch in Claudia Roth und der taz Verbündete im Kampf gegen eine Anfeindung von Muslimen sieht, bereits am 6. September die Freiheit, in Lichtschlags Blog ef-online „Gegenposition“ zu beziehen – wenngleich er nicht glaube, „dass man zu Morddrohungen eine sinnvolle ‚Gegenposition’ beziehen kann“. Die Betreiber des Blogs „PI“ ließen es zu, daß Kommentatoren Andersdenkenden in wüstester Weise attackierten und ihnen Gewalt androhten – so Hoffmann unter Berufung auf Presseberichte. Auf Hoffmanns „Replik“ auf das „ef“-Interview mit Herre reagierte der Angegriffene mit einer „Duplik“. Daß mehrfach strafrechtlich relevante Äußerungen in seinem Blog unzensiert geblieben seien, konnte er nicht widerlegen.

Was sowohl Hoffmann, als auch Herre praktisch gänzlich ausblenden: Das vermeintliche „Kreuzritter“-Organ „PI“ ist weder eine publizistische Speerspitze zivilcouragierter liberaler Islamismus-Kritiker – eines Salman Rushdie, eines Robert Redeker, eines Louis Chagnon, einer Oriana Fallaci –, noch richten sich seine Veröffentlichungen blindwütig gegen alles „Muslimische“. Gerade Tendenzen „völkischer“ Polemik, wie sie sich etwa in den Beschimpfungen des liberalen Islamismus-Experten und Multikulturalismus-Kritikers Bassam Tibi durch „PI“ zeigen, illustrieren nicht den „rassistischen“ Kern radikaler Islam-Kritik – wie ihn Hoffmann insinuiert –, sondern bringen Herre vielmehr in einen diametralen Gegensatz zu menschenrechtlich motivierten Gegnern der politischen Herrschaftsansprüche des Islam. Tatsächlich ist „PI“ nicht nur nicht repräsentativ für eine publizistische Szene radikaler Kritiker des politischen Islam, sondern gilt auch als Störenfried insofern, als seine Existenz „Anti-Antiislamisten“ wie Hoffmann Munition liefert. An gemeinsamen Auftritten mit Herre, der (zumindest zeitweilig) für die aus der extremen Rechten hervorgegangene Lokalpartei „Pro Köln“ warb, sind etwa die exil-iranische Frauenrechtlerin Nasrin Amirsedghi oder Ralph Giordano nicht interessiert.

Der oftmals gegen „PI“ gerichtete Vorwurf, Muslime generaliter als Gewalttäter und Terroristen an den Pranger zu stellen, trifft ebenso wenig ins Schwarze: Anders als die – meist aus der politischen Linken stammenden – liberal-demokratischen Islam(ismus)-Kritiker haben „rechte“ Moscheenbau-Gegner wie Herre oder der „Pro Köln“-Begründer Manfred Rouhs nämlich mit einer Ächtung islamistischer Gewaltregime auf der Grundlage des universalen Geltungsanspruchs der Menschen- und Bürgerrechte nichts zu schaffen. So begrüßte Rouhs 1999 den barbarischen Bombenkrieg gegen Jugoslawien, da durch diesen die politischen Ziele der islamischen albanischen Sezessionisten begünstigt würden. Und noch Ende 2005 schloß sich Herres „PI“ der anti-russischen Agitation der bekennenden Islam-Freunde Norbert Blüm, Rupert Neudeck und Bernd Posselt an, die in der Bekämpfung tschetschenischer und dagestanischer Islamisten einen „Völkermord“ sehen. Was die exil-iranische Bürgerrechtlerin Maryam Namazie über die multikulturalistischen Kulturrelativisten bemerkt, trifft vollumfänglich auch auf Herre zu, wenn er indirekt menschenrechtswidrige Herrschaftsansprüche islamistischer Theokraten für legitim erklärt:

„’Multikultis’ gehen so weit zu behaupten, Menschenrechte hätten ausschließlich westlichen Charakter und seien mit einer islamischen Gesellschaft unvereinbar. […] Die Niederlage der Nazis und ihrer Theorie der biologischen Unterschiede haben den Gedanken rassischer Überlegenheit gewaltig in Misskredit gebracht. Trotzdem fand der antihumane Gehalt, der im Rassismus steckte, eine andere, in der heutigen Zeit weniger aneckende Ausdrucksform. Statt rassistischer Begriffe werden nun kulturelle Begriffe bemüht, um Unterschiede zu manifestieren. Deshalb ist der Multikulturalismus nichts anderes als die neue Ausdrucksform des Faschismus, und seine Verfechter und Anhänger sind die Anhänger eines zeitgemäßen Holocausts.“


Tatsächlich reden Herre und die anderen wackeren Kämpfer gegen den europäischen „Kulturimperialismus“, die in dem militärischen Vorgehen gegen Maschadow und Bassajew (unser Bild) Kriegstreiberei und Völkermord sehen, insofern einem „zeitgemäßen Holocaust“ (Maryam Namazie) das Wort, als sie die „Option“ für legitim erklären, die Tschetschenen unter dem Joch der Scharia zu belassen.