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jeudi 7 août 2008

Alexander Solschenizyn - Antitotalitarist und Patriot


Am 3. August starb der russische Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn mit 89 Jahren. Die Beisetzung fand gestern auf dem Friedhof des Moskauer Donskoj-Klosters statt, das sich Solschenizyn als letzte Ruhestätte selbst ausgesucht hatte.

Im Zentrum des literarischen Werkes Solschenizyns stehen die Aufklärung über die Dimensionen des sowjetischen Totalitarismus, von dessen Verfolgungsmaßnahmen er selbst heimgesucht wurde, und die Verteidigung von Rußlands christlich-europäischem Erbe (bei gleichzeitigem Bekenntnis zu der zivilisatorischen Errungenschaft des Zusammenlebens verschiedener ethnischer und religiöser Gruppen innerhalb des russischen Staatsverbandes).

Bereits Solschenizyns Erzählung "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch", die infolge des in den 1950er Jahren einsetzenden "Tauwetters" in der poststalinistischen Sowjetunion veröffentlicht werden konnte (1962), widmet sich vermittelst der Beschreibung des Alltags eines Gefangenen in einem sowjetischen Lager dem System des staatlich organisierten Terrors der Stalin-Ära. Nachdem Solschenizyn 1970 der Literaturnobelpreis verliehen worden war, wurde er - in der Ära Breschnew, der die für die Chruschtschow-Periode kennzeichnenden Ansätze einer (partiellen) Liberalisierung zu suspendieren trachtete - ausgebürgert.

Über die Auswirkungen von Solschenizyns 1974 erschienenem Hauptwerk "Archipel Gulag" auf die westeuropäische Linke führt Frank Schirrmacher aus:

"Als der „Archipel Gulag“ 1974 schließlich in Paris erschien, veränderte sich die Tektonik der intellektuellen Welt. Wie benommen von der Wucht des Materials schrieb Heinrich Böll in dieser Zeitung: „Ja, ja und nochmals ja“. Wutentbrannt liefen die westlichen Verteidiger des Kommunismus zwischen den Trümmern eines zusammengestürzten Weltbildes umher. Solschenizyn hatte nicht nur die Kerker, die Folterzellen und die Arbeitslager gezeigt. Er hatte behauptet, dass die Baupläne des Systems selbst auf schreckliche Weise missraten seien und immer nur wieder zu Gefängnis und Stacheldraht führen könnten: Der stalinistische Terror sei kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern Wesensmerkmal der marxistischen Ideologie.

Was dann geschah, ist ein Kapitel westlicher Mentalitätsgeschichte geworden. Während in Frankreich die jungen „Meisterdenker“ um André Glucksman und Bernard-Henri Lévy den „Archipel Gulag“ zum Gründungsdokument einer antimarxistischen Geschichtsphilosophie machten, blieb der „Solschenizyn-Schock“ in Deutschland zunächst aus. Und doch konnten 1989, auch dank der nachwachsenden Generationen, ernstzunehmende Menschen keine Illusionen mehr über den Unrechts- und Repressionsapparat der kommunistischen Systeme haben."
(FAZ.NET, 5.8.2008)

Nachdem Solschenizyn nach seiner zwangsweisen Exilierung zunächst in der Bundesrepublik Deutschland bei Heinrich Böll Zuflucht gefunden hatte, siedelte er in die Schweiz und anschließend (mit seiner Familie) nach Cavendish in Vermont über. Erst Glasnost und Perestrojka - die Ära Gorbatschow - ermöglichten eine Rehabilitierung Solschenizyns in der UdSSR und schließlich - im Mai 1994 - die Rückkehr des Schriftstellers in seine russische Heimat.

Irritationen rief Solschenizyn seit den 1990er Jahren vielfach bei einigen seiner (zeitweiligen) Sympathisanten im "Westen" hervor, die - wie auch André Glucksmann - unter dem Banner der Verurteilung des Sowjettotalitarismus - aus ihrer feindseligen Haltung auch gegenüber dem gegenwärtigen Rußland Jelzins und Putins sowie dessen (vermeintlichen oder wirklichen) weltpolitischen Ambitionen keinen Hehl machten. Solschenizyn trat demgegenüber in den vergangenen Jahren für die Verteidigung einer Politik der Konsolidierung der legalen Institutionen der Russischen Föderation ein. In diesem Kontext begrüßte er beispielsweise 1999/2000 Rußlands militärisches Vorgehen gegen islamistische Mordbrenner und Sklavenhändler in Tschetschenien und anderen Regionen des nördlichen Kaukasus und redete einer "Todesstrafe für tschetschenische Terroristen" das Wort.

Auch im Hinblick auf die Verwurzelung der Kulturtraditionen der russischen Orthodoxie etwa in der Ukraine schreckte Solschenizyn nicht vor Stellungnahmen im Sinne eines nationalpatriotischen Konservatismus zurück, die ihm den verleumderischen Vorwurf eines engstirnigen Nationalismus eintrugen. Der von (west-)ukrainischen Nationalisten betriebenen Instrumentalisierung stalinistischer Verbrechen für gegenwärtige Zwecke im Kontext der Debatte über den "Holodomor" - die Hungersnot in der Ukraine 1932/33 infolge der stalinistischen Kollektivierung der Landwirtschaft - erteilte er eine schroffe Absage.

In diametralem Gegensatz zu der Verherrlichung des "militärischen Humanismus" der Neuen Nato, die "Neue Philosophen" wie Glucksmann und Lévy mit einstigen prosowjetischen "Friedensfreunden" Westeuropas vereinte, stand die kompromißlose Ablehnung des Rechtsbruchs der grundlosen Bombardierung Jugoslawiens im Frühjahr 1999 durch Solschenizyn, der unmißverständlich Partei für die Opfer des natoistischen Rechtsnihilismus ergriff:

"Nachdem sie die Vereinten Nationen auf den Müll geschmissen und ihre Charta mit Füßen getreten hat, proklamiert die Nato der Welt für das kommende Jahrhundert ein altes Gesetz - das des Dschungels: Der Stärkere hat immer recht. Übertreffe den von dir verurteilten Gegner in der Gewalt - und sei es hundertfach -, wenn deine Hochtechnologie es zuläßt. Und in dieser Welt lädt man uns nunmehr ein, zu leben.

Unter den Augen der Menschheit ist man dabei, ein großartiges europäisches Land zu zerstören, und die zivilisierten Regierungen applaudieren. Wenn die Menschen in Verzweiflung die Schutzräume verlassen und Menschenketten bilden, um unter Einsatz ihres Lebens die Donaubrücken zu retten, ist das nicht der hohen Taten der Antike würdig? Ich sehe nicht, was Clinton, Blair und Solana morgen davon abhalten könnte, sie bis zum letzten Mann auszulöschen, mit Feuer und Wasser."

Alexander Solschenizyn verkörpert das Antlitz eines patriotischen Konservatismus, der sich der Inhumanität jeglichen Totalitarismus und nationalchauvinistischer Agitation verweigert.

mercredi 23 avril 2008

Alexander Solschenizyn verurteilt orangenen Geschichtsrevisionismus


Als im Frühjahr 1999 Jugoslawien unter Mißachtung der UN-Charta, des NATO-Statuts und des Zwei-plus-Vier-Vertrages bombardiert wurde, kommentierte Alexander Solschenizyn diesen offenen Rechtsbruch, wie folgt:

"Die Aggressoren haben die UNO beiseite gestoßen und eine neue Ära eröffnet, in der Macht gleich Recht ist. Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, daß der NATO die Verteidigung der Kosovaren am Herzen lag. Wäre es ihnen um den Schutz der Unterdrückten zu tun, hätten sie zum Beispiel die unglücklichen Kurden verteidigen können."

Solschenizyn solidarisierte sich mit den Serben, die - wie etwa Vojislav Šešelj - bereit waren, ihr Leben zu riskieren, um die Donaubrücken gegenüber Luftangriffen der Neuen NATO zu verteidigen, und machte kein Hehl daraus, wie er die moralische Statur eines Clinton, eines Blair, eines Solana einschätzte:

"Unter den Augen der Menschheit ist man dabei, ein großartiges europäisches Land zu zerstören, und die zivilisierten Regierungen applaudieren. Wenn die Menschen in Verzweiflung die Schutzräume verlassen und Menschenketten bilden, um unter Einsatz ihres Lebens die Donaubrücken zu retten, ist das nicht der hohen Taten der Antike würdig? Ich sehe nicht, was Clinton, Blair und Solana morgen davon abhalten könnte, sie bis zum letzten Mann auszulöschen, mit Feuer und Wasser."

Als Rußland sich wenige Wochen später dazu entschloß, dem Expansionismus der tschetschenischen Islamisten (nach deren Versuch, auch in Dagestan einen Gottesstaat einzurichten) militärisch Einhalt zu gebieten, verärgerte der russische Patriot und Antitotalitarist Solschenizyn die Nato-Humanitaristen von neuem: Er wies darauf hin, daß es nicht Rußland sei, das als Aggressor auftrete. Rußland habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten weltpolitisch kontinuierlich nachgegeben und müsse nun zeigen, ob es willens sei, seinen Lebensanspruch gegen terroristische Angriffe zu verteidigen.

Jetzt hat Solschenizyn in der russisch-(west-)ukrainischen Debatte über den "Holodomor" - die Hungersnot in der Ukraine 1932/33 infolge der stalinistischen Kollektivierung der Landwirtschaft - das Wort ergriffen:

"Er bezeichnete die ukrainische Position als Neuauflage der 'teuflischen Verdrehungen der bolschewistischen Agitprop', mit der Zwietracht zwischen 'verwandten Völkern' gesät werden soll. Der Nobelpreisträger wies darauf hin, dass bereits im Jahr 1921 in Sowjetrussland eine Hungersnot geherrscht habe und also von einer bewusst gegen die ukrainische Nation gerichteten Vernichtungsaktion nicht die Rede sein könne." (NZZ, 9.4.2008)

Daß auch diese Stellungnahme jene westeuropäischen und nordamerikanischen "Menschenrechtler" verärgern muß, die sich in ihrer Kritik am Sowjettotalitarismus seit den 1970er Jahren gern auf das Werk Solschenizyns berufen, liegt auf der Hand. Die antisowjetischen Proklamationen eines Teils dieser "Antitotalitaristen", die sich in den 1980er Jahren mit einer peinlichen Romantisierung islamistischer "Freiheitskämpfer" wie Hekmatyar und Bin Ladin verbanden, waren wohl stets auch Ausdruck des antislawischen Ressentiments*, wie es sich dann in den 1990er Jahren in den Attacken gegen Jelzin, Milošević und Putin offen zu erkennen gab. (Das dröhnende Schweigen, mit dem die Ankläger fingierter serbischer und russischer "Völkermorde" etwa die tatsächlichen Verbrechen islamistischer Machthaber in Afghanistan seit dem Rückzug der Sowjets und dem Sturz der Regierung Najibullah 1992 bedachten, dürfte jedem, der die 1990er Jahre nicht im Tiefschlaf verbrachte, noch in den Ohren klingen. Lediglich im Hinblick auf Al Qaida und die Taliban wird, freilich erst seit dem 11. September 2001, selbst in der - lagerübergreifenden - antisowjetischen "Afghanistan-Solidarität" im allgemeinen der terroristische Charakter islamistischer Radikaler zugestanden ...)

*Die Tatsache, daß es sich auch bei den westukrainischen (wie den kroatischen und bosnisch-muslimischen) Lieblingen "westlicher" Propagandisten gewalttätiger "Intervention" gegen Serbien und Rußland um Slawen handelt, ändert nichts daran, daß die pseudo-menschenrechtlichen Freunde des (west-)ukrainischen, des kroatischen und des bosnisch-muslimischen Nationalchauvinismus "Moskau", "Minsk" und "Belgrad" (nicht jedoch "Kiew" oder "Zagreb") mit Invektiven belegen, die auf einen - nicht zuletzt in der deutschen Marx-Engelsschen Linken bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts popularisierten - Antislawismus zurückgehen, welcher den Slawen Mitteleuropas (außer den Polen) jede geschichtliche Zukunft absprach und slawische Völker der Donaumonarchie wie die Tschechen und Kroaten (!) als Handlanger des als Hort der Reaktion gebrandmarkten Russischen Kaiserreiches für ausrottungswürdig erklärte.

lundi 24 mars 2008

24.3.1999 - 24.3.2008: Zum 9. Jahrestag des Angriffs auf Jugoslawien


"Nachdem sie die Vereinten Nationen auf den Müll geschmissen und ihre Charta mit Füßen getreten hat, proklamiert die Nato der Welt für das kommende Jahrhundert ein altes Gesetz - das des Dschungels: Der Stärkere hat immer recht. Übertreffe den von dir verurteilten Gegner in der Gewalt - und sei es hundertfach -, wenn deine Hochtechnologie es zuläßt. Und in dieser Welt lädt man uns nunmehr ein, zu leben.

Unter den Augen der Menschheit ist man dabei, ein großartiges europäisches Land zu zerstören, und die zivilisierten Regierungen applaudieren. Wenn die Menschen in Verzweiflung die Schutzräume verlassen und Menschenketten bilden, um unter Einsatz ihres Lebens die Donaubrücken zu retten, ist das nicht der hohen Taten der Antike würdig? Ich sehe nicht, was Clinton, Blair und Solana morgen davon abhalten könnte, sie bis zum letzten Mann auszulöschen, mit Feuer und Wasser."


Alexander Solschenizyn, April 1999

"Niemals hat sich deutlicher gezeigt, warum Serbien bestialisch von Nato-Bomben zerstört wurde".

Vojislav Koštunica, Februar 2008

dimanche 19 août 2007

Wladimir Putin und Europas "Antikolonialisten"


«Gestern (1945) hat sich Europa konstituiert, indem es sich gegen drei Übel verbündet hat. Das Übel Hitler hat es hinter sich. Desgleichen das Übel Stalin. Den Sieg über das dritte Übel namens 'Kolonialkriege', die Europa sich zu verbieten gelernt hat, hat Europa noch vor sich.»

Der Internationale Aufruf, der diese Passage enthält, wurde am 23. März 2000 veröffentlicht – fast auf den Tag genau ein Jahr, nachdem, unter aktiver Beteiligung «Europas» (oder genauer: des in die NATO inkorporierten Teils des Kontinents) ein europäisches Gemeinwesen, Jugoslawien, mit einem Kolonialkrieg überzogen worden war. Gegen diesen tatsächlichen Kolonialkrieg, dessen offizielle Zielsetzung in der Unterwerfung des gesamten jugoslawischen Staatsgebietes unter ein de facto Besatzungsstatut (Annex B des «Abkommens von Rambouillet») bestand, hatte im Frühjahr 1999 freilich kaum einer der Unterzeichner des zitierten Aufrufs auch nur das Geringste einzuwenden gehabt. Im Gegenteil: André Glucksmann, der Autor des Bekenntnisses zu einem Sieg «Europas» über das «Übel namens 'Kolonialkriege'», hatte den Unterwerfungskrieg gegen Jugoslawien mit der gleichen Verve gerechtfertigt, wie etwa die Unterzeichner Timothy Garton Ash, Wolf Biermann, Hans Christoph Buch, Günter Grass, Bernard-Henri Lévy, Rupert Neudeck, Peter Schneider, Tilman Zülch, Micha Brumlik und Elie Wiesel.

Gegen wen richtete sich nun der «antikoloniale» Aufruf dieser Propagandisten der Kolonialisierung Südosteuropas?:

«Heute glaubt Herr Putin, dass er sich alles erlauben kann. Die Qualen, die der russische Oberbefehlshaber Tschetschenien auferlegt, machen die brutalsten Methoden der Kriegsführung international wieder salonfähig.»

Was hatte sich der russische Staatspräsident Wladimir Putin «erlaubt», das Glucksmann und Co. so in Rage versetzte? Hatte er außerhalb der russischen Grenzen Uranmantelgeschosse eingesetzt und die Massakrierung Tausender von Zivilisten eines nicht-aggressiven Gründungsmitgliedstaates der Vereinten Nationen angeordnet? Nein, er hatte sich des Vorgehens gegen islamistische «Parallelstrukturen» in russischem Territorium schuldig gemacht – für die Sympathisanten der gewaltsezessionistischen albanischen UCK, deren Landnahme im serbischen Kosovo-Metohija die Nato durch ihren Kolonialkrieg erst ermöglicht hatte, ein wahrhaft ahndungswürdiges Verbrechen. Tatsächlich hatte ein Ehrentschetschene grün-alternativer Couleur bereits im Januar 2000 Putin als einen russischen Slobodan Milosevic attackiert:

«Vom Balkan auf den Kaukasus: Das Kosovo des Jahres 2000 heißt Tschetschenien. Seit vielen Wochen mordet und zerstört der zweite russische Feldzug in der Teilrepublik. Tausende Tote und zerstörte Städte und Dörfer, allem voran eine bis auf die Grundmauern verwüstete Hauptstadt Grosny. Hier ist es Grosny, im Kosovo war es Pristina. (...) Einen signifikanten Unterschied dieser beiden Tragödien gibt es jedoch: Milosevic wurde von einer internationalen Koalition gestoppt. Die russische Regierung wird hingegen immer noch aus der Perspektive der vergangenen Ost-West-Konfrontation betrachtet. »

Jamal Karsli, der sich später dadurch hervortun sollte, Israel der «Nazi-Methoden» zu bezichtigen, empfahl also allen Ernstes die völkerrechtswidrige Gewaltandrohungs- und Gewaltanwendungspolitik der Nato gegenüber Jugoslawien als vorbildhaft für ein gebotenes aggressives Vorgehen gegenüber der Russischen Föderation. Dass infolge des 78tägigen Bombenkrieges der Nato Hunderttausende von Serben und anderer Nicht-Albaner aus dem Kosmet vertrieben wurden, störte den «Migrations- und Flüchtlingspolitischen Sprecher» der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im NRW-Landtag dabei bemerkenswerterweise nicht im Geringsten.

Was hatten die tschetschenischen «Rebellen» getan, um die Herzen «europäischer» Menschenrechtler wie Glucksmann oder Karsli für sich zu gewinnen? Sie hatten, nachdem die russische Armee sich im September 1996 aus dem Territorium zurückgezogen hatte (ohne dass die Russische Föderation de jure auf ihre Hoheitsrechte in der Teilrepublik verzichtet hätte!), unter der Verantwortung des vermeintlich «gemäßigten» muslimischen «Präsidenten» Tschetscheniens, Aslan Maschadow, einen islamischen Muster«staat» errichtet. Im Februar 1999 zwangen sie dem Territorium die Scharia auf und würdigten somit zumindest 50 v. H. der tschetschenischen Bevölkerung in den Status von Haustieren herab. Wo blieb hier der Protest engagierter westeuropäischer Menschenrechtler, die ja (wenigstens bis zum 11. September 2001) auch der islamischen Barbarei des Taliban-Regimes in Afghanistan mit beredtem Schweigen begegneten? (Eine der wenigen Entitäten, die die «Regierung» des islamistischen Tschetschenien jemals formell anerkannten, waren die Taliban Mullah Omars.)

Als einer der publizistischen Tschetschenien-Kämpfer «der ersten Stunde» verdient Zbigniew Brzezinski eine besondere Aufmersamkeit. Denn in der Person Brzezinskis, der als Sicherheitsberater US-Präsident Carters die militärische Aufrüstung afghanischer (und arabischer!) Islamisten zum Zwecke der Beseitigung der linksnationalen afghanischen Regierung propagierte – und zwar bereits vor dem als «Friedensbruch» skandalisierten offenen militärischen Eingreifen der UdSSR im Dezember 1979 –, verkörpert sich die Kontinuität der Protegierung islamistischer «Freiheitskämpfer» durch westeuropäische und nordamerikanische Russophobe. Gleichzeitig kann anhand einer Polemik Brzezinskis vom November 1999 die Haltlosigkeit des praktisch von Beginn des zweiten Tschetschenien-Krieges an erhobenen «Genozid»-Vorwurfs an Russland exemplarisch aufgezeigt werden.

Unter dem Titel: «Russland will Tschetschenien ganz und gar zerstören» berichtet Brzezinski in der FAZ vom 10.11.1999 über von mitteleuropäischen Geheimdiensten (welchen?) aufge­deckte «russische Pläne», die «angeblich folgende Schritte» umfassen sollen: (1) die - wie der Autor behauptet, weit­gehend verwirklichte - Vertreibung der «nicht an den Kämpfen Beteiligte[n]»; (2) die «fortschreitende militärische Einkesselung des tschetschenischen Widerstands» in für diesen relevanten Gebieten; (3) den Einsatz «neuartige[r] Sprengstoffe und chemische[r] Kampfmittel» etc., um «Zehntau­sen­de tschetschenischer Kämpfer» auszulöschen. Als Todfeinde hat Brzezinski nicht nur auf ihrer Souveränität bestehende slawische Nationen ausgemacht, sondern auch die Logik. Wenn der Autor dem Leser mitteilt: «Das Ergebnis dieser Strategie wird ein Völkermord sein, der von der Welt unbeteiligt beobachtet wird», so wird diese Behauptung eines zukünftigen Genozids im Ergebnis der russischen Militäraktion konterkariert durch den das Pamphlet abschließenden Aufruf, «die letzte Phase des russischen Völkermordes in Tschetschenien aufzuhalten» [Hervorhebungen von mir, Daniel L. Schikora].

Summa summarum legt Brzezinski eindrucksvoll dar, dass ein russischer Völkermord(-Versuch) in Tschetschenien, wie er ihn behauptet, offenkundig nicht vorliegt – jedenfalls nicht, wenn der Beurteilung der russischen Anti-Terror-Operationen die Definition des Völkermord-Begriffs durch die VN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes von 1948 zugrunde gelegt wird (denn das terroristische Kollektiv der von Brzezinski heißgeliebten « tschetschenischen Kämpfer » ist beim besten Willen keine «nationale», «ethnische», «rassische» oder «religiöse» Gruppe, deren beabsichtigte gänzliche oder teilweise Auslöschung als ein russischer Völkermord-Versuch ausgelegt werden könnte).

Der militärische Triumph Russlands über islamistische Terroristen würde - Brzezinski zufolge - nicht nur den angeblich geplanten Völkermord an den Tschetschenen ermöglichen, sondern hätte auch andere „weit reichende und negative Folgen“:

«So würde ein russischer Sieg neoimperiale Aspirationen in Moskau nähren und gleichzeitig die Anziehungskraft der schlimmsten Elemente der russischen politischen Elite verstärken.»

Mit anderen Worten: Russland zu verbieten, seine Hoheitsrechte in Tschetschenien wahrzunehmen, diente und dient keinesfalls nur der territorialpolitischen «Begrenzung» Russlands, seiner Herausdrängung aus der Kaukasusregion, sondern darüber hinaus der «Problematisierung» seiner nationalen Unabhängigkeit als solcher.

Signifikant für die politisch-romantischen Tendenzen der Bannerträger des «bedrohten» tschetschenisch-muslimischen «Volkes» ist Brzezinskis ethnozentristische Darstellung des russischen Widerstandes gegen muslimische Extremisten als einer konsequenten Fortführung einer vom russischen Kaiserreich wie der UdSSR ausgehenden Unterdrückungspolitik gegenüber dem Kaukasusvolk der Tschetschenen:

«Die Tschetschenen haben der russischen Unterwerfung mehr als 120 Jahre Widerstand geleistet. Sie sind weder russisch noch orthodox. Darüber hinaus sind sie die Opfer in diesem Konflikt. Das Leiden, das dem tschetschenischen Volk gegenwärtig zugefügt wird, erinnert bereits an Stalins Entscheidung aus dem Jahr 1944, das ganze Volk durch Deportation nach Zentralasien zu vernichten [sic].»

Die nichtrussischen und nichtorthodoxen - und Brzezinski offenbar allein deshalb sympathischen - Tschetschenen also waren (und sind) „die Opfer in diesem Konflikt“, während die russischen Soldaten und Zivilisten, die den mordenden Sezessionistenbanden zum Opfer fielen, gemäß der Sprachregelung des nordatlantischen Humanitaristen wohl als «Kollateralschäden» einzustufen sind. (Selbst, als im September 2004 die tschetschenischen Islamisten im nordossetischen Beslan einen Massenmord an Kindern begingen, hat sich an dieser dichotomischen Sichtweise großer Teile der westeuropäischen Öffentlichkeit nichts Wesentliches geändert.) Denn der tschetschenische Terrorismus stellt sich Brzezinski als legitime Notwehrhandlung gegen den beißwütigen russischen Bären dar:

«Gemäßigte Tschetschenen sind auf die Seite der Extremisten getrieben worden, weil sie keine andere Wahl hatten, insbesondere, nachdem der Kreml jegliche Verhandlungen mit ihnen abgelehnt hatte.»

Wie die Regierungen des Nordatlantik-Bündnisses den jugoslawischen Präsidenten für die Bombenangriffe auf dessen Land verantwortlich machten, da er sich geweigert hatte, die serbische Hoheit im Kosmet – und darüber hinaus – aufzugeben, so wurde nun seitens des in einer deutschen Tageszeitung publizierenden US-Russophoben Brzezinski dem russischen Staat, weil er sich wie Serbien weigerte, mit zentrifugalen islamistischen Kräften über seine legitime Souveränität zu verhandeln, die Verantwortung für die Massakrierung seiner Bürger zugeschrieben.

Als Russland sich im Sommer 1999 dazu entschloss, dem Expansionismus der tschetschenischen Islamisten militärisch Einhalt zu gebieten, nachdem diese in Daghestan – außerhalb des von ihnen usurpierten tschetschenischen «Hoheitsgebietes» – einen Gottesstaat ausgerufen hatten, solidarisierte sich der russische Patriot und Antitotalitarist Alexander Solschenizyn mit der Tschetschenien-Politik der Regierung Putin. Er wies darauf hin, dass es nicht Russland sei, das als Aggressor auftrete. Russland habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten weltpolitisch kontinuierlich nachgegeben und müsse nun zeigen, ob es willens sei, seinen Lebensanspruch gegen terroristische Angriffe zu verteidigen. Ein echter Konservativer zeichnet sich dadurch aus, dass er auch mit der historischen Kurzlebigkeit kultureller Normen vertraut ist, die sich auf die Negation elementarer individueller Freiheitsrechte gründen. Insofern ist derjenige, der Hitlers «Volksgemeinschaft» nachtrauert oder – in kulturrelativistischer Manier - islamistische Terrorregime als Ausdruck kultureller Selbstentfaltung islamischer Völker rechtfertigt, kein echter Konservativer.