mercredi 28 mai 2008

Serbien, Israel, Rußland: Aggressionsobjekte deutscher Weltinnenpolitiker


In dem vor dreizehn Jahren, anläßlich des 50. Jahrestages der Kapitulation Hitler-Deutschlands, herausgebrachten Band Wenn das der Führer hätte erleben dürfen. 29 Glückwünsche zum deutschen Sieg über die Alliierten (Hamburg, 1995) stellt der damalige KONKRET-Autor Jürgen Elsässer treffsicher die Befindlichkeiten jener deutschen "Linken" bloß, die in islamistischen Mordbrennern Opfer serbischer, russischer oder israelischer "Völkermord"-Politik zu erkennen vermeinen. Die balkan-, nahost- und rußlandpolitischen Ausführungen Elsässers aus dem Jahr 1995 haben bedauerlicherweise kein Gran an Aktualität eingebüßt.

"Die deutsche Linke hat ihre Kritik an der israelischen Siedlungspolitik durch demagogische Vergleiche mit dem Holocaust blamiert, und die Zerfallsprodukte dieser Linken setzen diese Haltung nun gegenüber Serbien fort. Wurde früher von der 'Endlösung der Palästinenserfrage' schwadroniert, so werden nun serbische 'Vernichtungslager' entdeckt. Ganz im Sinne der Rechten wird dadurch verdrängt, daß sowohl Israel als auch Jugoslawien von den Opfern des deutschen Faschismus aufgebaut wurden - und bis heute von denselben Kräften bedroht sind, die auch damals mit den Nazis bei der Vernichtung von Juden und Serben kollaborierten: nationalistische Araber, fundamentalistische Bosniaken, Ustascha-Kroaten. Es ist unappetitlich, wenn aus dem Hause des Henkers den Nachkommen der Gehenkten Ratschläge erteilt werden, wie sie ihr Überleben in einer feindlichen Umwelt zu organisieren haben. [...]" (S. 49f.)

"Russische Panzer sind in der tschetschenischen Provinzhauptstadt Grosny eingerollt. Grund zu Aufregung und Empörung der 'Staatengemeinschaft'. Aber wer da dramatisch von einer 'Invasion' oder 'Intervention' spricht, müßte diese Begriffe auch beim Einsatz vom Bundesgrenzschutz in Kreuzberg bemühen. Tschetschenien ist Teil des russischen Staates so wie Kreuzberg Teil des deutschen ist, und zum Recht jedes Staates gehört die Durchsetzung seiner vollen Souveränität innerhalb seiner Grenzen. Dieser Umstand taugt zur generellen Ablehnung des Staates, die sich zunächst am eigenen zu bewähren hätte, keineswegs aber zu selektiven Moralappellen gegen Dritte. [...]

Jelzin verdient entschiedene Kritik und Widerstand nicht deswegen, weil er dem tschetschenischen Nationalismus entgegengetreten ist, sondern weil er ihm zu viel Raum gegeben hat. Bei seinem Kampf gegen Gorbatschow stimulierte Jelzin die Sezession aller möglichen Teilrepubliken und liquidierte kaltschnäuzig die Sowjetunion - das konnte von den Raubrittern in Grosny nur als Ermutigung verstanden werden. 1990/91, nicht gestern, wurde die Büchse der Pandora geöffnet."
(S. 83f.)

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