mercredi 2 juillet 2008

2. Juli 1993 - 2. Juli 2008: Zum 15. Jahrestag des Massakers von Sivas


Am 2. Juli 1993 wurde die alevitische Gemeinschaft der Türkei zum Angriffsziel einer bestialischen terroristischen Attacke radikaler Islamisten. In der ostanatolischen Stadt Sivas setzte ein islamistischer Mob ein Hotel in Brand, in dem eine Feier zu Ehren des Dichters Pir Sultan Abdal stattfand. Unter den 37 Opfern des Brandanschlags befand sich Aziz Nesin, der - als Atheist und Sozialist - den Mut aufgebracht hatte, in einem mehrheitlich (sunnitisch-)muslimischen Land wie der Türkei Salman Rushdies "Satanische Verse" herauszubringen. Cafer Ercakmak, Stadtrat der islamistischen Refah-Partei (aus der Erdogans und Güls AKP hervorging), legte selbst Hand an, um die "Ungläubigen" verbrennen zu lassen.

"Das Massaker von Sivas. Es gibt ein Video davon. Gedreht von der Polizei, die nur dabeisteht und den Mob gewähren lässt. Stunden über Stunden. Sie greift nicht ein, gibt nicht mal Warnschüsse ab. 'Der Staat', sagt Ali Ertan Toprak, 'hat sich zum Komplizen gemacht.' Ein Eindruck, den die Monate nach dem Massaker verstärkten. Von den Anführern wurde kaum einer gefasst. Die Islamisten, denen man den Prozess machte, zeigten weder Reue noch Erbarmen mit den Familien der Opfer. Sie grinsten in die Kameras und machten die Verhandlungen zu Demonstrationen ihrer Sache - nur drei Jahre später wurde die Refah-Partei, der viele von ihnen angehörten, zur Regierungspartei. Von Stadtrat Ercakmak fehlt bis heute jede Spur. 'Die Justiz', schreibt die Zeitung Milliyet, 'hat sich nie bemüht.'

Für die Aleviten, nicht nur in der Türkei, war Sivas ein Wendepunkt. Ali Ertan Toprak ist Alevit. Er wurde in Ankara geboren, wuchs aber in Deutschland auf, einem Land, in dem er sich eigentlich immer wohlfühlte. Bis 1993. Dann kam der Anschlag von Solingen. 'Zum ersten Mal fühlte ich mich ungewollt." Toprak hat bis heute beide Staatsbürgerschaften, die deutsche und die türkische. Er beschloss, für längere Zeit in die Türkei zu gehen. "Ich suchte Wärme, Freunde, Verwandte.' Er stieg in ein Flugzeug.

Es war, ausgerechnet, der 2. Juli 1993. Als Toprak in Izmir landete, brannte das Madimak-Hotel in Sivas schon. In ihrer Hilflosigkeit und ihrem Schock sammelten sich Toprak und etwa 1000 Gleichgesinnte zu einem Trauermarsch durch Izmir. Diesmal handelte die Polizei: Innerhalb von nur fünf Minuten trieb sie die Trauernden auseinander. 'Der türkische Staat trennt sehr wohl zwischen seinen Bürgern', sagt Toprak: 'Geduldet bist du hier nur, wenn du Türke und gleichzeitig sunnitischer Muslim bist.' Toprak ging damals zurück nach Deutschland und in die Politik: Heute ist er der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschlands.

Aleviten waren immer verdächtig. Außenseiter. Vogelfrei. Viele Aleviten sind Kurden. Ihr Glaube ist ein Gemisch aus vorislamischen Traditionen, Sufi-Mystik und ein wenig Schiitentum. Häretiker in den Augen orthodoxer Muslime: Nehmen den Koran nicht wörtlich, gehen nicht in die Moschee, glauben nicht an die fünf Säulen des Islam, beten, wann und wo sie wollen. Die Frauen tragen kein Kopftuch. Musik und Tanz spielen eine zentrale Rolle bei ihren Zeremonien - und die Tatsache, dass Männer und Frauen gleichberechtigt miteinander an den Tänzen teilnehmen, hat zu jenen hetzerischen Legenden unter den sunnitischen Muslimen geführt, wonach Aleviten beim 'Erlöschen der Kerze' in wilden Orgien übereinander herfallen.

Sultan Selim I. (1514-1520) war der Erste, der die anatolischen Aleviten im großen Stil abschlachten ließ. Nach Gründung der Republik 1923 waren die Aleviten die treuesten Republikaner - das säkulare System schien ihnen der beste Schutz vor der Scharia zu sein. Eine Garantie gegen Massaker war es nicht. Vor Sivas hatte 1978 schon ein Mob in der Stadt Maras Aleviten getötet.

Heute, am 15. Jahrestag, werden die Aleviten in Sivas demonstrieren. 'Die Türkei hat sich bis heute nicht entschuldigt. Dieses Land hat noch kein einziges Massaker in seiner Geschichte aufgearbeitet', sagt Toprak. 'Deshalb können solche Dinge jederzeit wieder geschehen.' Seit vielen Jahren bitten die Aleviten darum, das Madimak-Hotel in ein Museum zu verwandeln. Bis heute ist nichts geschehen. "Ein Museum könnte die Einheit der Türkei stören", sagte der Gouverneur von Sivas im letzten Jahr. Besonders empört die Aleviten, dass vor ein paar Jahren ein Kebap-Restaurant im Hotel aufmachte. 'Man kann doch nicht so tun, als sei das ein normaler Ort', sagt Toprak.

Immerhin: Es ist einiges geschehen in der alevitischen Gemeinde seit 1993. Man organisiert sich. Seit zwei Jahren gibt es einen Fernsehsender: Yol-TV. 'Noch unsere Eltern waren eingeschüchtert', sagt Toprak. 'Aber wir ducken uns nicht mehr.' Noch ist Sivas ungesühnt. Einige der Anstifter sind nach Deutschland geflohen. Toprak sagt, diese Leute müssten endlich vor Gericht. 'Es kann nicht sein, dass Mörder in Deutschland frei herumlaufen.'"
(sueddeutsche.de, 2.7.2008)

In Reaktion auf das Auftreten des islamistischen türkischen Ministerpräsidenten Erdogan als ermittlungstechnischer Entwicklungshelfer gegenüber Deutschland im Zusammenhang mit der Brandkatastrophe in Ludwigshafen erinnerte Toprak, der Erdogans Agitation gegen eine drohende "Assimilation" in Deutschland lebender Türken (oder Türkischstämmiger) ablehnt, daran, dass die Attentäter von Sivas "unbehelligt in Deutschland [leben], weil die türkischen Behörden sich bis heute weigern, einen Auslieferungsantrag zu stellen". (FAZ.NET, 7.2.2008) Den wohlfeilen Bekenntnissen deutscher Politiker der “Regierungsparteien” zu “wehrhafter Demokratie” und einer Ächtung islamistischen Terrors sollten Taten folgen - auch im Hinblick auf die Ermöglichung einer Ahndung des terroristischen Verbrechens gegen Aleviten in Sivas, das sich, als Verbrechen gegen die Menschheit, keineswegs als eine "innertürkische" Angelegenheit darstellt!

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